{"id":300,"date":"2024-04-10T19:57:08","date_gmt":"2024-04-10T19:57:08","guid":{"rendered":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/?p=300"},"modified":"2026-01-10T18:23:33","modified_gmt":"2026-01-10T18:23:33","slug":"blog-13-soziale-krisen-der-deutschen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/index.php\/2024\/04\/10\/blog-13-soziale-krisen-der-deutschen-geschichte\/","title":{"rendered":"Blog 13: Soziale Krisen der deutschen Geschichte, Der Bauernkrieg 1524-1525"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"300\" class=\"elementor elementor-300\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-6b761a09 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"6b761a09\" data-element_type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-704cace3 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"704cace3\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p style=\"text-align: justify;\">Gek\u00fcrtzte Audioversion:<\/p><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-300-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B13_audio.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B13_audio.mp3\">https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B13_audio.mp3<\/a><\/audio><p>Audiovisuelle: <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z0TcFKNPQ5U\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z0TcFKNPQ5U<\/a><\/span><\/p><p>\u00a0<\/p><p style=\"text-align: justify;\">In diesem Teil der Blog Serie werde ich auf Ereignisse der deutschen Geschichte verweisen, die man als soziale Krisen beschreiben kann, da sie eine negative Auswirkung auf ein Gef\u00fchl der sozialen und gesellschaftlichen Zugeh\u00f6rigkeit hatten. Dazu werde ich zun\u00e4chst den sozialgeschichtlichen Hintergrund skizzieren und dann eine zeitgen\u00f6ssische kulturelle Produktion analysieren, bevor ich R\u00fcckschl\u00fcsse auf die weiterreichenden sozialgeschichtlichen Folgen der jeweiligen Krise ziehen werde. Die erste soziale Krise, die ich in diesem Zusammenhang ausgew\u00e4hlt habe, ist der Bauernkrieg, der in der ersten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts stattfand.<\/p><p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-304\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic1.png\" alt=\"\" width=\"764\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic1.png 764w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic1-300x129.png 300w\" sizes=\"(max-width: 764px) 100vw, 764px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Gem\u00e4lde zum Gro\u00dfen Deutschen Bauernkrieg von Max Lingner 1951-1955<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Sozialpolitischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der Bauernkrieg 1524-1525 kann als Auswirkung der sich seit des 11. Jahrhunderts zunehmend verst\u00e4rkenden sozialen Ungleichheit verstanden werden. Der Geschichtswissenschaftler Kurt Frank Reinhardt beschreibt, wie die Einf\u00fchrung einer Geldwirtschaft nach r\u00f6mischen Prinzipien zusammen mit der Einf\u00fchrung des r\u00f6mischen Rechtes nach dem 11. Jahrhundert die traditionellen Stammesgesetze schrittweise ersetzte. Reinhardt erkl\u00e4rt, dass diese neue Gesetzgebung anfing die Wirtschaft zu regulieren und zu Stadthandel und kapitalistischem Unternehmertum f\u00fchrte, eine Situation, die von den politischen und wirtschaftlichen Machthabern zu ihrem eigenen Vorteil genutzt wurde. Dies f\u00fchrte zu der finanziellen Abh\u00e4ngigkeit der Bauern, die dadurch so verarmt und unterdr\u00fcckt wurden, dass ihr Status und ihre Lebensbedingungen, denen von Sklaven nahekamen. Jacob Wimpheling, ein zeitgen\u00f6ssischer P\u00e4dagoge, Priester, Dichter und Geschichtsschreiber \u00e4u\u00dfert sich dazu mit den folgenden Worten:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Nach der verdammten Lehre der neuen Juristen soll der Prinz alles im Land sein, aber die Menschen nichts, die Menschen haben nichts zu tun, als zu dienen und Steuern zu zahlen<\/em>&#8220;<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Jacob Wimpheling 1450-1528<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Reinhardt verweist darauf, dass es das r\u00f6mische Rechts- und W\u00e4hrungssystem war, das die soziale, politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeit f\u00f6rderte. Er sieht den Aufstand der Bauern in den deutschen F\u00fcrstent\u00fcmern als den Kampf der vorher bestehenden Agrargesellschaft gegen das neue kapitalistische Wirtschaftssystem, das es ersetzen sollte. Er beschreibt, wie die Bauern von dem Geist der Revolution inspiriert waren, den Martin Luther mit seiner offenen Opposition gegen die Korruption der r\u00f6misch-katholischen Kirche zu dieser Zeit gef\u00f6rdert hatte. Es wurde eine Liste moderater Reformforderungen (,Die zw\u00f6lf Artikel&#8217;) vorgelegt, der sich die Bauern in allen Teilen der deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer anschlossen. Als diese abgelehnt wurden, entwickelte sich die Bewegung zu einer sozialen Revolution. Anstatt die Bauern zu unterst\u00fctzen, wandte sich Luther gegen sie und forderte die F\u00fcrsten und Herren auf,<\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>man soll sie zerschmei\u00dfen, w\u00fcrgen, stechen, heimlich und \u00f6ffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss<\/em>\u201c<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Martin Luther, Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren,<\/em> 1525<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Auf Luthers Rat hin wurde der Aufstand gewaltsam niedergeschlagen. Laut Reinhardt wurden hunderttausend Bauern im Kampf \u00fcberwunden, Tausende verwundet und gefoltert sowie Zehntausende get\u00f6tet (Reinhardt, 1950).<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kultursoziologischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Als kulturelles Beispiel werde ich ein Lied analysieren, das w\u00e4hrend des Bauernaufstandes entstand und das Erlebnis der Bauern dieser Zeit widerspiegelt.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin beschreibt <em>Das B\u00fcndische Lied<\/em> als eines der wenigen verbliebenen Lieder, die den sozialpolitischen Aufstand belegen. In den Texten wird eine kleine Anzahl von Symbolen verwendet, die in ihrem zeitgen\u00f6ssischen Kontext dekodiert werden m\u00fcssen. Das Lied beginnt mit der symbolischen Beschreibung eines Geiers, der aus dem Schwarzwald stammt und seine vielen Jungen unter den Bauern \u00fcberall aufzieht. Beutin zufolge war der Geier das Symbol der Bauernrevolution, die in der Region des ,Schwarzwaldes&#8217; begann und sich von dort aus auf andere deutschsprachige F\u00fcrstent\u00fcmer ausbreitete. Die in der letzten Strophe erw\u00e4hnten Kl\u00f6ster und Burgen wurden als visuelles Zeichen der Unterdr\u00fcckung angesehen, die die Bauern sowohl vom Adel als auch von den geistlichen Autorit\u00e4ten ertragen mussten. Beutin klassifiziert das B\u00fcndische Lied als Vertreter des Volksliedes, das den Bauernkrieg in Form von Pamphleten begleitete. Laut Beutin f\u00fchrten die \u00dcbersetzungen humanistischer Schriften ins Deutsche und die Weiterentwicklung der Drucktechnologie Mitte des 15. Jahrhunderts zur Verbreitung kritischer Ideen und trug dadurch zu der ersten Form von Gesellschaftskritik in den deutschsprachigen Gebieten bei. Ulrich von Hutten, Thomas M\u00fcntzer und Hans Sachs waren in diesem Zusammenhang die einflussreichsten Stimmen. Das neue Format, das es der Literatur erm\u00f6glichte, eine Schl\u00fcsselrolle bei der Initiierung der mit der Reformation verbundenen politischen und religi\u00f6sen Ver\u00e4nderungen zu spielen, waren Pamphlete, die in Form von Gedichten, Liedern, Predigten, Briefen, Chroniken, Dramen und Dialogen erschienen. Zusammen mit \u00f6ffentlichen religi\u00f6sen Auseinandersetzungen, die vor gro\u00dfen Menschenmengen stattfanden und Tage oder sogar Wochen dauern konnten, trug die Verbreitung von Pamphleten zur Bildung einer sogenannten \u00f6ffentlichen Meinung bei. Beutin betont, dass in den neun Jahren dieser religi\u00f6s-politischen Revolution, von Luthers Ver\u00f6ffentlichung der 95 Thesen im Jahre 1517 bis zum Ende des Bauernkrieges im Jahre 1526, die Literatur nicht nur die Ereignisse der Zeit illustrierte und kommentierte, sondern auch eine relevante Rolle spielte in dieser historischen Bewegung. Die Realit\u00e4t wurde auf eine Weise dargestellt, die bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war, da Bauern und andere Mitglieder der unteren sozialen Schichten jetzt, Adligen und Geistlichen gleich, als Hauptfiguren vorkamen, w\u00e4hrend sie bisher entweder nicht Teil einer literarischen Beschreibung waren oder nur als Teil des Hintergrunds dargestellt worden waren. Das Leben wurde so beschrieben, dass das Bed\u00fcrfnis nach Ver\u00e4nderung deutlich wurde und alle sozialen Schichten dabei angesprochen waren. Beutin listet drei charakteristische Elemente der damaligen Pamphlete auf, die die Texte zug\u00e4nglich und \u00fcberzeugend machen sollten:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">1) Die gro\u00dfz\u00fcgige Verwendung von Bibelzitaten, die zeigen, dass der Inhalt des Textes der Heiligen Schrift nahe steht.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">2) Die Verwendung gebr\u00e4uchlicher Ausdr\u00fccke und Phrasen, um die Verbindung zur breiten \u00d6ffentlichkeit herzustellen.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">3) Die grobe und polemische Wahl der Ausdr\u00fccke, die darauf abzielen, einen Gegner zu beleidigen.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Beutin weist darauf hin, dass f\u00fcr diesen kurzen Zeitraum die Perspektive der unteren Klassen \u00fcber der Meinung der herrschenden Klassen dominierte und sich die einfachen Leute in die religi\u00f6se und politische Kontroverse einbezogen f\u00fchlten. Sowohl der Kaiser als auch die Kirche reagierten schnell mit der Einf\u00fchrung der Zensur und untersagten den Druck, den Verkauf und die Verbreitung von schriftlichem Material, das der Kirche und den F\u00fcrsten gegen\u00fcber kritisch war. Die Folgen f\u00fcr Drucker, Autoren und Buchh\u00e4ndler waren hart: Exkommunikation, Verlust der B\u00fcrgerrechte, Inhaftierung, Folter und Hinrichtung. Der Prediger und Theologe Thomas M\u00fcntzer geh\u00f6rte zu den 1525 hingerichteten Personen und einige Autoren arbeiteten daraufhin unter dem Deckmantel der Anonymit\u00e4t. Laut Beutin war die soziale Krise, mit der sich die Literatur der Reformation befasste, die Unterdr\u00fcckung der unteren Klassen durch Adel und Geistliche, die sich mit dem Wachstum der internationalen M\u00e4rkte, der Gr\u00fcndung von Handelsunternehmen und der Entwicklung einer interessenbezogenen Geldwirtschaft verst\u00e4rkte. Beutin stellt fest, dass ein Ruf nach pers\u00f6nlicher Freiheit die Hauptforderung der unteren Klassen war und die Br\u00fcderlichkeit als Ausdruck der Gleichheit eine der wichtigsten Visionen der Bauern darstellte. Diese Idee von Freiheit und Gleichheit war durch den von Luther 1520 ver\u00f6ffentlichten Text <em>Von der Freiheit eines Christenmenschen<\/em> initiiert worden, der die Bauern tief beeindruckt und zu ihrem Aufstand angeregt hatte. Beutin hebt hervor, dass <em>Das B\u00fcndische Lied<\/em>\u00a0eines von wenigen \u00fcberlieferten Liedern aus dem Bauernkrieg ist und auch in seiner bauernfreundlichen Perspektive eine Seltenheit darstellt. Aufgrund der Zensur durch den Souver\u00e4n nach der Niederlage der Bauernarmee sind die meisten Lieder dieser Zeit bauernfeindlich und repr\u00e4sentieren die Perspektive derjenigen, die zu dieser Zeit an der Macht waren. Die wenigen bauernfreundlichen Lieder, die erhalten geblieben sind, stammen aus zeitgen\u00f6ssischen Folteraufzeichnungen (Beutin, 2008).<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kulturbeispiel: Das B\u00fcndische Lied, Text zu einem Lied des Bauernaufstandes<\/u><\/p><p><em>Ein Geier ist ausgeflogen<\/em><br \/><em>Im Hegau am Schwarzwald <\/em><\/p><p><em>Der hat viel Junge erzogen<\/em><br \/><em>Bei den Bauern \u00fcberall.<\/em><\/p><p><em>Sie sind aufru\u0308hrig geworden<\/em><br \/><em>In deutscher Nation<\/em><br \/><em>Und haben ein \u0301 eignen Orden <\/em><\/p><p><em>vielleicht wird \u0301s gut ihnen gehn <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Was mag sein ihr Begehren <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>der braven Biederleut?<br \/>Es scheint der Wahrheit Stern <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist reif jetzt die Zeit <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es geschieht mit Gottes Willen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Ist unserer Su\u0308nden Schuld<br \/>Er kann und wird es stillen <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Gott geb uns Gnad und Huld<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt sing ich von den Bauern <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Und ihrem Regiment<br \/>Manch einer nennt sie Lauren<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Und weiss doch nicht das End<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es tun\u2019s Schinder und Schaber <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Die treiben U\u0308bermut;<br \/>Hu\u0308t\u2019t euch, ihr Wucherknaben<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es tut in der La\u0308ng\u2019 nicht gut <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Niemand tut sich mehr scha\u0308men.<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Er sei jung oder alt<br \/>All Bosheit tut zunehmen<br \/>In mancherlei Gestalt <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Man tut durcheinander laufen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Man wenig der Wahrheit acht<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Hoffart, Geiz und Fu\u0308rkaufen <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Herscht in der Welt der Pracht. <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Zutrinken und Gottverschwo\u0308ren <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Hat genommen u\u0308berhand.<br \/>Man kann bald niemand wehren. <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es ist fu\u0308rwahr ein Schand. <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Auf den anderen will man nichts geben <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Man sag gleich was man woll<br \/>In aller Unzucht leben<br \/>Macht jetzt das Unglu\u0308ck voll. <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Bund, der hat geraten <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Jetzt eine sehr lange Zeit<br \/>Es will nicht gut geraten<br \/>Das Loch ist schon zu weit <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer kann das jetzt zuflicken?<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Das kann ich nicht verstehn <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie mu\u0308ssen dran ersticken <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es wird noch u\u0308bel gehen <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Herrschaft tun sie schrecken<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Dass sie kaum weiss wo \u2018naus <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Bauern tun sie aufwecken<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Und setzen ihnen tu\u0308chtig zu <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Es sind seltsame Kunden<br \/>Sie wagen ihre Haut<br \/>Sie haben ein Sinn erfunden <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Wer ha\u0308tt\u2019 ihnen das zugettraut <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie sind ins Feld gezogen<br \/>Ihr keiner wollt\u2019 lassen ab<br \/>Ist wahr und nicht gelogen<br \/>So mancher Bauernknab<br \/>Sie haben zusammen geschworen <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Dem Adel leid zu tun <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sie haben ihn arg geschoren<br \/>Was wird ihnen werden zu Lohn? <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Bauern sind einig geworden<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Und kriegen mit Gewalt<br \/>Sie haben einen grossen Orden <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sind aufsta\u0308ndig mannigfalt <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Und tun die Schlo\u0308sser zerreissen<br \/>Und brennen Kl\u00f6ster aus<br \/>So kann man uns nicht mehr bescheissen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Was soll ein bo\u0308s\u2019 Raubhaus <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Interpretation des Liedtextes<\/u><\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-306\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic2.png\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"504\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic2.png 347w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic2-300x242.png 300w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/p><p>K\u00e4the Kollwitz, Der Losbruch 1903<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das Lied ist in neun Strophen mit jeweils acht Versen geschrieben. Rhythmus und Zusammenhalt wird durch das Reimen abwechselnder Verse erreicht.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man den Text in Bezug auf das von Greimas (1966) entwickelte Konzept des Erz\u00e4hlmodells f\u00fcr M\u00e4rchen &#8211; in dem ein ,Subjekt oder Held\u2018 nach einem \u201aObjekt des Begehrens\u2018 gegen die Opposition eines \u201aWidersachers\u2018 strebt, mit der Hilfe eines \u201aHelfers\u2018 und der magische Intervention eines \u201aSuperhelfers\u2018, dann werden die Bauern in der ersten Strophe als \u201aSubjekte oder Helden\u2018 des Textes vorgestellt. Die zweite Strophe fragt nach der Motivation des Handelns des Subjekts, und somit nach dem \u201aObjekt des Begehrens\u2019. Dieses wird jedoch im Text niemals direkt genannt, sondern impliziert. Das geschieht durch eine Beschreibung der Handlungen des \u201aWidersachers\u2018, der unterdr\u00fcckenden herrschenden Klassen, in den Strophen vier und f\u00fcnf und der zerst\u00f6rerischen Wirkung dieser Handlungen auf das \u201aSubjekt\u2018. Das Objekt des Begehrens wird dabei als das Gegenteil zu dem Verlust und dem Mangel impliziert, die durch die Handlungen der herrschenden Klassen ausl\u00f6st werden (Mangel an moralischen Werten, Sicherheit, Ehrlichkeit, Respekt und Gl\u00fcck).\u00a0 Die Tatsache, dass das \u201aObjekt des Begehrens\u2018 haupts\u00e4chlich als Gegensatz zu einem Mangel beschrieben wird, den das \u201aSubjekt\u2018 erlebt, erweckt den Eindruck, dass die Bauern zu Recht etwas zur\u00fcckfordern, das sie verloren haben. Dass dieses Objekt nur implizit bekannt gemacht, aber nie benannt wird, zeigt, wie weit es von der Reichweite des \u201aSubjekts\u2018 entfernt ist. Der Bund der Bauern wird in der darauffolgenden Strophe vorgestellt, was schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass das Zusammenkommen der Bauern eine Folge des schlechten Verhaltens der Herrschenden ist. Der Bund wird dadurch als der \u201aHelfer\u2018 identifiziert, der das \u201aSubjekt\u2018 (die Bauern) in ihrem Kampf f\u00fchrt, sich dem \u201aWidersacher\u2018 (herrschende Klassen) zu widersetzen und das \u201aObjekt des Begehrens\u2018 (Gl\u00fcck, Respekt, Ehrlichkeit, moralische Werte, Sicherheit) zu beanspruchen. In Strophe 7 ist unklar, ob es sich bei der beschriebenen Aktion um die des Bundes oder der Bauern handelt, was zeigt, dass der Bund in Wirklichkeit nur die Bauern selbst ist, die sich organisieren, dabei als Gruppe arbeiten, eine neue Rolle \u00fcbernehmen und zu Helfern ihrer selbst werden. Der zweite Teil der zweiten Strophe bezieht sich auf Gott, der als \u201aSuperhelfer\u2018 identifiziert werden kann und dessen Gnade und Unterst\u00fctzung erwartet und gefordert wird. Die Erz\u00e4hlung des Textes endet mitten in der Suche des Subjekts. Da die Opposition gegen den \u201aWidersacher\u2018 extrem ist, wird klar, dass das \u201aObjekt des Begehrens\u2018 nur durch die Zerst\u00f6rung des \u201aWidersachers\u2018 erreicht werden kann. Nachdem die gleiche Struktur wie die eines M\u00e4rchens verwendet wurde, wird das positive Ergebnis der Erz\u00e4hlung impliziert, in der das \u201aSubjekt\u2018 das \u201aObjekt des Begehrens\u2018 mit Hilfe von \u201aHelfer\u2018 und \u201aSuperhelfer\u2018 gegen den \u201aWidersacher\u2018 gewinnt, wobei die Erz\u00e4hlung des Liedtextes selbst unabgeschlossen bleibt.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Nach Toolan (1988) kann die Identit\u00e4t und Intentionalit\u00e4t des Erz\u00e4hlers durch die Fragen \u201eWarum wird die Geschichte erz\u00e4hlt?&#8221; Und \u201eWer erz\u00e4hlt die Geschichte?\u201d bestimmt werden.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4nderung der Verwendung von Personalpronomen sowie des Gesamttons des Textes durch beschreibende Substantive und Verben kann als Hinweis auf eine Verschiebung der narrativen Perspektive gelesen werden. W\u00e4hrend die Erz\u00e4hlung in einem sachlichen Ton beginnt, wird das dadurch aufgebaute Vertrauen durch eine Frage untergraben. Eine weitere Frage in der n\u00e4chsten Strophe scheint die Meinung der \u00d6ffentlichkeit widerzuspiegeln, gefolgt von Aussagen, die eine religi\u00f6se und stellenweise prophetische Konnotation haben und damit eines der Merkmale der damaligen Pamphlete aufzeigen. In Strophe drei spricht der Erz\u00e4hler als singender Kommentator und wendet sich dabei direkt und pers\u00f6nlich an die Unterdr\u00fccker. In den Strophen vier und f\u00fcnf, die die Haltung und Handlungen der Herrschenden beschreiben, ist der Ton konstant, was diese Beschreibung am \u00fcberzeugendsten macht. Strophe 6, die sich auf den Bund der Bauern bezieht, enth\u00e4lt die meisten Unstimmigkeiten, gefolgt von einer Beschreibung der Aktion des Bundes gegen die Herrschenden in einem fokussierten Ton, jedoch unter Einbeziehung eines \u00fcberraschten Kommentars in der siebten Strophe. Der Bericht \u00fcber den folgenden Aufstand ist in der Vergangenheitsform und erscheint zuversichtlich, wird jedoch durch eine Frage untergraben, die Angst und Unsicherheit zum Ausdruck bringt. Strophe neun kehrt zu einem Ton des Vertrauens und der Entschlossenheit zur\u00fcck und zeigt zunehmenden \u00c4rger. In den letzten beiden Versen von Strophe neun \u00e4ndert sich der Plural der dritten Person, der bis zu diesem Punkt verwendet wurde und einen Eindruck von Distanz und Objektivit\u00e4t vermittelt, pl\u00f6tzlich in den Plural der ersten Person. Dieser h\u00e4ufige Wechsel der narrativen Perspektive erweckt den Eindruck, dass es viele verschiedene Stimmen, Stimmungen und Meinungen gab, die in diesem Aufstand zusammenkamen, von Angst und Unsicherheit \u00fcber Entschlossenheit, prophetischer Gewissheit, religi\u00f6ser und moralischer \u00dcberzeugung bis hin zu Wut, Gewalt und Lust auf Rache und Zerst\u00f6rung. Strophe sechs, in welcher der Bund erw\u00e4hnt wird, enth\u00e4lt besonders h\u00e4ufige Ton- und Erz\u00e4hlverschiebungen, wodurch m\u00f6glicherweise die Vielzahl von Gesichtspunkten gespiegelt wird, die diese Vereinigung von Menschen enthalten haben musste. Im Gegensatz dazu sind die Strophen vier und f\u00fcnf, in denen die b\u00f6sen Taten der Unterdr\u00fccker beschrieben werden, in Ton und Perspektive konstant. Hierdurch l\u00e4sst sich erkennen, dass der Aufstand eine kollektive Anstrengung von Menschen mit unterschiedlichen Absichten, Motivationen und Hintergr\u00fcnden war, die sich darin einig waren, dass man sich den unterdr\u00fcckenden herrschenden Klassen und ihrem Handeln und Verhalten zuwider setzen musste.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich bei der Darstellung des Aufstandes eine gro\u00dfe Zahl unterschiedlicher Perspektiven zusammenfinden, lassen sich die Intentionen des Textes wie folgt auflisten:<\/p><ol style=\"text-align: justify;\"><li>Den Bauernaufstand aus der Sicht des einfachen Volkes zu dokumentieren<\/li><li>Den Kausalzusammenhang zwischen dem Aufstand und den amoralischen Handlungen der herrschenden Klassen aufzuzeigen<\/li><li>Das Ausma\u00df der empfundenen Ungerechtigkeit und Not als Folge dieser Handlungen zum Ausdruck zu bringen<\/li><li>Die Revolution als im Einklang mit Gottes Willen und zum allgemeinen Wohl aller zu rechtfertigen<\/li><li>Die unterdr\u00fcckenden herrschenden Klassen zu bedrohen<\/li><li>Die k\u00e4mpfenden Bauern in ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit zu st\u00e4rken<\/li><\/ol><p style=\"text-align: justify;\">Der Text ist an drei unterschiedliche Empf\u00e4nger gerichtet, was durch die \u00c4nderung der Personalpronomen angezeigt wird. Alle Passagen, in denen der Plural der dritten Person oder der allgemeine Singular der dritten Person verwendet wird, richten sich an die breite \u00d6ffentlichkeit. Der Satz, der den Plural der zweiten Person enth\u00e4lt, richtet sich an die unterdr\u00fcckenden herrschenden Klassen, in diesem Fall an die Kaufleute und Geldverleiher, die beiden letzten S\u00e4tze, in denen zum ersten Mal die erste Person Plural verwendet wird, wendet sich an die Bauern.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die drei charakteristischen Elemente des Pamphletes des 16. Jahrhunderts, die laut Beutin den Text zug\u00e4nglich und \u00fcberzeugend machen sollen, sind auch im Liedtext zu finden. W\u00e4hrend Bibelzitate nicht direkt verwendet werden, enthalten die Texte Zeilen, die aus Gebeten zu stammen scheinen. \u201eEs geschieht nach dem Willen Gottes.\u201c \u201eEs wurde durch unsere S\u00fcnden verursacht.\u201c \u201eEr kann und wird es freigeben.\u201c \u201eM\u00f6ge Gott uns Gnade geben und uns unterst\u00fctzen.\u201c Fragen und eingef\u00fcgte Kommentare werden verwendet, um die Perspektive der \u00d6ffentlichkeit widerzuspiegeln, und sollen die Verbindung mit dem Publikum erleichtern: \u201eWas kann ihre Sorge um diese ehrlichen und einfachen Menschen sein?\u201c \u201eWer kann das jetzt reparieren?\u201c \u201eEs ist jenseits meines Verst\u00e4ndnisses.\u201c \u201eSie werden daran ersticken m\u00fcssen.\u201c \u201eDies wird schlecht enden.\u201c \u201eSie haben sie hart behandelt.\u201c \u201eWas wird ihre Belohnung sein?\u201c<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Es finden sich auch grobe und polemische Ausdr\u00fccke, die den Gegner beleidigen sollen. \u201eDann k\u00f6nnen sie uns nicht mehr wie Schei\u00dfe behandeln&#8230;\u201c \u201eWas n\u00fctzt ein b\u00f6ses R\u00e4uberhaus?\u201c<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-307\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic3.png\" alt=\"\" width=\"736\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic3.png 736w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog13_pic3-300x163.png 300w\" sizes=\"(max-width: 736px) 100vw, 736px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Aufst\u00e4ndische Bauern im Zeichen des Bundschuh<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Schlussfolgerungen<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Durch die Analyse des Textes wird deutlich, dass es sich bei dem Aufstand der Bauern, um eine Bewegung handelte, in der viele unterschiedliche Menschen mit vielen unterschiedlichen Beweggr\u00fcnden zusammenkamen, da sie sich einig waren, dass ein Missstand aufgehoben werden musste. Das Objekt des Begehrens der Bauern ist Sicherheit, Gl\u00fcck, Respekt, Ehrlichkeit und mit moralischen Werten zu leben und ist ein Verlangen nach dem, was ihnen ihrer Meinung nach zustand und der Wunsch eine Situation der Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu berichtigen. Der Zusammenhang zwischen dem von Aristoteles genannten Konzept der Ungleichheit und Legitimierung von Gewalt und einer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die vom r\u00f6mischen Recht beeinflusst die soziale, politische und wirtschaftliche Ungleichheit f\u00f6rderte und zu dem Aufstand der unterdr\u00fcckten Bauern f\u00fchrte, wird hier deutlich. Die Forderung der Bauern nach pers\u00f6nlicher Freiheit und Br\u00fcderlichkeit kann als Forderung nach Gleichheit angesehen werden, die das verlorene Gef\u00fchl des sozialen Bezuges wiederhergestellt h\u00e4tte. Diese Forderung wurde abgelehnt und das Konzept der Ungleichheit wurde von jenen gewaltsam verteidigt, die glaubten, dass sie zum Regieren geboren waren. Luther selbst sah die soziale und politische Ungleichheit als von Gott gegeben an und sanktionierte nicht nur eine gewaltvolle Gegenreaktion der Obrigkeiten, sondern rief sogar dazu auf.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Darum darf man hier nicht zaghaft vorgehen. Es geht auch nicht um Geduld oder Barmherzigkeit. Es ist des Schwertes und des Zornes und nicht der Gnaden Zeit. So soll nun die Obrigkeit hier getrost vordringen und mit gutem Gewissen drein schlagen so viel sie kann. Denn hier ist der Grund: die Bauern haben ein schlechtes Gewissen und tuen unrecht und jeder Bauer, der daf\u00fcr nicht erschlagen wird, ist mit Leib und Seele verloren und f\u00fcr ewig des Teufels. Aber die Obrigkeit hat ein gutes Gewissen und tut recht und kann zu Gott sagen mit aller Sicherheit des Herzens: Siehe mein Gott, du hast mich zum F\u00fcrsten oder Herren gemacht, daran kann ich nicht zweifeln. Du hast mir das Schwert befohlen gegen die \u00dcbelt\u00e4ter. Es ist dein Wort und ich muss dieses Amt ausf\u00fchren, wenn ich deine Gnade nicht verlieren will, so ist es auch klar, dass diese Bauern vielfach f\u00fcr dich und die Welt den Tod verdient haben und dass es mir befohlen ist, sie zu strafen<\/em>\u201c.<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Martin Luther, Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren,<\/em> 1525<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Da Luther die Inspiration f\u00fcr den Aufstand der Bauern gewesen war, musste sich seine vehemente Verurteilung f\u00fcr sie wie ein Verrat angef\u00fchlt haben. Die Erfahrung, dass der Status quo, auch wenn er ungerecht war, nicht in Frage gestellt werden durfte und dass Forderungen nach Gerechtigkeit und Gleichheit mit \u00e4u\u00dferster Gewalt begegnet wurden, hatte weitreichende Folgen. Der Geschichtswissenschaftler Peter Pulzer weist darauf hin, dass alle darauf folgenden Revolutionen der deutschen Geschichte scheiterten. Er erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang die Revolution von 1848 und im Besonderen die Revolution von 1919, die durch r\u00fccksichtslose milit\u00e4rische Interventionen niedergeschlagen wurde, bei denen ihre F\u00fchrer ermordet und alle Teilnehmer massakriert wurden, noch bevor ein sozialer oder politischer Wandel erreicht worden war (Pulzer, 1997). Die Erfahrung, dass eine Revolution nur konservativ sein k\u00f6nne und dass die etablierte Autorit\u00e4t unter keinen Umst\u00e4nden in Frage gestellt werden d\u00fcrfe, sollte sp\u00e4ter von der deutschen Jugend des fr\u00fchen zwanzigsten Jahrhunderts aufgegriffen werden. Der Geschichtswissenschaftler Georg Mosse, der sich mit den Anf\u00e4ngen des Nationalsozialismus in Deutschland auseinandergesetzt hat, betont, dass die deutsche Jugend der 1920er und 30er Jahre, im Gegensatz zu Jugendlichen anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder dieser Zeit, ihre revolution\u00e4ren Triebe eher nach rechts als nach links richteten und die deutsche Revolution als eine innere, \u00a0antij\u00fcdische Revolution verstanden (Mosse, 1964).<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Es gibt auch einen weiteren viel direkteren Bezug zwischen Martin Luther und dem sp\u00e4teren deutschen Nationalsozialismus: Luthers antisemitische Reden und Schriften, in denen er die Juden verteufelte, ihnen Gr\u00e4ueltaten zuschrieb und zu ihrer Verfolgung und T\u00f6tung aufrief.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Ein solch verzweifeltes, durchb\u00f6stes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist\u2018s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unser Plage, Pestilenz und alles Ungl\u00fcck gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Das ist nichts anderes. Da ist kein menschliches Herz gegen uns Heiden. Solches lernen sie von ihren Rabbinern in den Teufelsnestern ihrer Schulen<\/em>\u201c<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Martin Luther, Von den Juden und ihren L\u00fcgen, 1543<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die deutschen Nationalsozialisten f\u00fchlten sich in ihrem Antisemitismus von Martin Luther inspiriert und best\u00e4tigt, und so war es auch kein Zufall, dass die Reichspogromnacht am 9. November 1938, in der j\u00fcdische Gesch\u00e4fte und\u00a0 Synagogen in Brand gesetzt und tausende J\u00fcdinnen und Juden misshandelt, oder get\u00f6tet wurden,\u00a0auf die Nacht vor Luthers Geburtstag fiel.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Bibliographie<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Beutin, W. (2008). Humanismus und Reformation. In J. Metzler (Ed.), <em>Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anf\u00e4ngen bis zur Gegenwart.<\/em> (pp. 57-95). Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Greimas, A. J. (1983). <em>Structural Semiotics: An attempt at a method<\/em> (Translated by D. Mc Dowell et al. ed.). Lincoln: University of Nebraska Press.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Mosse, G. (1964). <em>The Crisis of German Ideology.<\/em> New York: Schoken Books.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Pulzer, P. (1997). <em>Germany 1870-1945.<\/em> Oxford: Oxford UP.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Reinhardt, K. F. (1950). <em>Germany: 2000 Years.<\/em> California: The Bruce Publishing Company.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Toolan, M. J. (1988). <em>Narrative: A critical Linguistic Introduction.<\/em> London : Routledge.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Abbildungen:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Gem\u00e4lde zum Gro\u00dfen Deutschen Bauernkrieg von Max Lingner 1951-1955 (unvollendet)<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.widdershausen.de\/bauernkrieg.html\">https:\/\/www.widdershausen.de\/bauernkrieg.html<\/a> (19.7.23)<\/p><p style=\"text-align: justify;\">K\u00e4the Kollwitz aus dem Zyklus Bauernkrieg &#8211; Der Losbruch 1903<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.kollwitz.de\/zyklus-bauernkrieg-uebersicht\">https:\/\/www.kollwitz.de\/zyklus-bauernkrieg-uebersicht<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Aufst\u00e4ndische Bauern im Zeichen des Bundschuh<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.habsburger.net\/de\/objekte\/der-bundschuh\">https:\/\/www.habsburger.net\/de\/objekte\/der-bundschuh<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gek\u00fcrtzte Audioversion: Audiovisuelle: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z0TcFKNPQ5U \u00a0 In diesem Teil der Blog Serie werde ich auf Ereignisse der deutschen Geschichte verweisen, die man als soziale Krisen beschreiben kann, da sie eine negative Auswirkung auf ein Gef\u00fchl der sozialen und gesellschaftlichen Zugeh\u00f6rigkeit hatten. 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