{"id":320,"date":"2024-04-09T20:10:59","date_gmt":"2024-04-09T20:10:59","guid":{"rendered":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/?p=320"},"modified":"2026-01-10T18:24:32","modified_gmt":"2026-01-10T18:24:32","slug":"blog-14-der-30jahrige-krieg-1618-1648","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/index.php\/2024\/04\/09\/blog-14-der-30jahrige-krieg-1618-1648\/","title":{"rendered":"Blog 14: Soziale Krisen der deutschen Geschichte, Der 30j\u00e4hrige Krieg 1618-1648"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"320\" class=\"elementor elementor-320\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-7c0e6d13 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"7c0e6d13\" data-element_type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-348ecb96 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"348ecb96\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Gek\u00fcrtzte Audioversion:<\/p><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-320-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B14_audio.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B14_audio.mp3\">https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B14_audio.mp3<\/a><\/audio><p>Audiovisuelle: <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Nblku1Rdft8\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Nblku1Rdft8<\/a><\/span><\/p><p>\u00a0<\/p><p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-324\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic1.png\" alt=\"\" width=\"630\" height=\"436\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic1.png 606w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic1-300x207.png 300w\" sizes=\"(max-width: 630px) 100vw, 630px\" \/><\/p><p>Die Schlacht am Weissen Berg, 1620<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Sozial politischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die 1517 von Luther initiierten Spaltung der religi\u00f6sen Einheit Europas f\u00fchrte 1618 zu einem lokalen Aufstand b\u00f6hmischer Calvinisten gegen die katholischen Habsburger, der sich in einen europ\u00e4ischen Krieg mit religi\u00f6sen und imperialen Motivationen verwandelte. Reinhardt beschreibt, wie rivalisierende F\u00fcrstent\u00fcmer verschiedener Konfessionen ausl\u00e4ndische Unterst\u00fctzung in ihrem Feldzug gegeneinander forderten, was zu einem Krieg in Europa f\u00fchrte, in dem Spanien-\u00d6sterreich und Frankreich-Schweden die Hauptgegner waren. Das Eingreifen ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte verl\u00e4ngerte den Konflikt erheblich. Der Krieg endete 1648, die deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer verloren ihre Souver\u00e4nit\u00e4t sowie eine betr\u00e4chtliche Anzahl von Gebieten, einschlie\u00dflich Elsass-Lothringen, an Frankreich. Reinhardt zufolge war der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg ein Kampf um Macht und Vormachtstellung in Europa, der unter dem Banner der Religion gef\u00fchrt wurde, und weitreichende Folgen f\u00fcr sp\u00e4tere politische Konflikte mit sich brachte. Reinhardt beschreibt in diesem Zusammenhang die imperialistischen Bem\u00fchungen des schwedischen K\u00f6nigs Gustav Adolf, des deutschen Generals von Wallenstein und des franz\u00f6sischen Premierministers Kardinal Richelieu (Reinhardt, 1950).<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das Ausma\u00df der Not, die die Bev\u00f6lkerung in vielen Gebieten erlebte, wird in der folgenden Schrift aus einem Tagebuch eines Dorfschuster aus dem Jahr 1634 deutlich:<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDie Truppen von Herzog Bernhard brachen in unser Land ein und pl\u00fcnderten uns vollst\u00e4ndig von Pferden, Rindern, Brot, Mehl, Salz, Schmalz, Leinen, Kleidung und allem, was wir besa\u00dfen. Sie misshandelten die Menschen, erschossen, stachen und schlugen eine Reihe von Menschen zu Tode. W\u00e4hrend wir uns in der Kirche aufhielten, z\u00fcndeten sie das Dorf an und brannten f\u00fcnf St\u00e4lle nieder. Weil die Truppen ihren Feinden nachjagten, verw\u00fcsteten sie alles, pl\u00fcnderten die kleine Stadt Giengen und brannten sie nieder. Die Stadt Gei\u00dflingen in Ulm versuchte sich schwach zu verteidigen. Sie wurde \u00fcberrannt und mehrere hundert Menschen wurden massakriert. Dem Pastor wurde der Kopf abgeschnitten und der Ort war am Boden zerst\u00f6rt &#8230; Alle mussten noch einmal in die Stadt fliehen und wir blieben den ganzen Winter dort. Es war echte Not, Hunger und Tod. Wir waren zusammengepfercht und lebten in gro\u00dfer Not. Hunger und Preiserh\u00f6hung kamen gleichzeitig. Und danach die b\u00f6se Krankheit, die Pest. In diesem und auch im n\u00e4chsten Jahr starben viele hundert Menschen daran.\u201c<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Benecke 1978: 31, 33<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-325\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic2.png\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"347\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic2.png 590w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic2-300x169.png 300w\" sizes=\"(max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberfall auf einen Bauernhof Jaques Callot, 1633<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Ein englischer Zeitgenosse beschreibt die Situation wie folgt:<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDeutschland &#8230; ist jetzt ein Golgatha, ein Ort der Totensch\u00e4del und das Aceldama, ein Blutfeld. Einige Nationen werden mit dem Schwert bestraft, andere mit Hungersnot, andere mit der menschenzerst\u00f6renden Pest. Aber das arme Deutschland wurde mit allen drei Eisenpeitschen gleichzeitig und seit \u00fcber zwanzig Jahren schmerzlich ausgepeitscht.\u201c<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Edmund Calamy 1641, in eigener \u00dcbersetzung<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kultur-soziologischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der Geschichtswissenschaftler Gerhardt Benecke beschreibt die gro\u00dfe Bedeutung der christlichen Religion zu dieser Zeit, die sich auf alle Lebensbereiche bezog und den Einfluss des Pfarrers und seiner w\u00f6chentlichen Predigten. Er macht deutlich, dass die Bev\u00f6lkerung durch religi\u00f6se Indoktrination dazu angehalten wurde, Krisen und herausfordernde Erfahrungen als Strafen anzusehen, und als ein Zeichen daf\u00fcr, dass sie durch ihre S\u00fcnden den Zorn Gottes auf sich gezogen hatte (Benecke, 1978). Da sich au\u00dferdem seit dem Mittelalter eine Sichtweise entwickelt hatte, die das Leben nach dem Tod weitaus h\u00f6her bewertete als aktuelle Lebenserfahrungen, wurden Krisenerlebnisse kaum als solche anerkannt und durch kulturelle Produktionen zum Ausdruck gebracht.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der deutsche Literaturwissenschaftler William. A. Coupe beschreibt, wie Ereignisse, die unstimmig schienen, durch politisch satirische Pamphlete kommentiert wurden. Diese Form der Satire entwickelte sich w\u00e4hrend des 30-j\u00e4hrigen Krieges als Variation der religi\u00f6sen satirischen Pamphlete, die im Rahmen der Reformation entstanden waren. Die in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ver\u00f6ffentlichten politischen satirischen Pamphlete brachten emotionale Spannungen zum Ausdruck und erleichterten durch das satirische Element die Konfrontation des Idealen mit dem Realen (Coupe, 1962). Ein \u00e4hnlich satirisches Element enth\u00e4lt der pikareske Roman, von dem Simplicius Simplicissimus von Grimmelshausen (1668) das bekannteste Beispiel ist. Der Roman spielt w\u00e4hrend des 30-j\u00e4hrigen Krieges, enth\u00e4lt autobiografische Elemente und gibt einen narrativen Bericht \u00fcber die Kriegsjahre, der in der ersten Person Singular geschrieben ist. Dabei entsteht eine apokalyptische Atmosph\u00e4re, in der die Welt als Irrenhaus dargestellt wird und Gewalt als ein t\u00e4gliches in seinem Vorkommen unberechenbares Erlebnis. W\u00e4hrend der Krieg mit all seinen Gewalterfahrungen veranschaulicht wird, besteht die Hauptabsicht des Romans darin, seine Leser moralisch zu belehren. Ein weiteres Kulturbeispiel, das dem Erleben der damaligen sozialen Krise Ausdruck verleiht, ist das Wiegenlied <em>Horch Kind horch\u2026<\/em>. Das Lied bezieht sich direkt auf das Erlebnis des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges und vermittelt die Atmosph\u00e4re von Angst und Verunsicherung, die diese Zeit kennzeichnete.<\/p><p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-326\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic3.png\" alt=\"\" width=\"738\" height=\"506\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic3.png 738w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog14_pic3-300x206.png 300w\" sizes=\"(max-width: 738px) 100vw, 738px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Waffengattungen<\/em>, Diego Ufano Archeley, Frankfurt 1614<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kulturbeispiel: Das Schlaflied\u00a0 ,Horch Kind horch wie der Sturmwind weht\u2019<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>Horch Kind horch wie der Sturmwind weht<\/em> <em>und r\u00fcttelt am Erker<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Wenn der Braunschweiger drau\u00dfen steht der packt uns noch st\u00e4rker<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Lerne beten Kind<\/em> <em>und falten fromm die H\u00e4nd\u00b4<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>damit Gott den tollen Christian<\/em> <em>von uns wend\u00b4<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlaf Kind schlaf, es ist Schlafenszeit<\/em><em>\u2028<\/em><em>ist Zeit auch zum Sterben<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>bist du gro\u00df, wird dich weit und breit<\/em><em>\u2028<\/em><em> die Trommel anwerben<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Lauf ihr nach, mein Kind<\/em><em>\u2028<\/em><em>h\u00f6r deiner Mutter Rat<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>f\u00e4llst du in der Schlacht<\/em><em>\u2028<\/em><em>so w\u00fcrgt dich kein Soldat<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8220;Herr Soldat, tu mir nichts zu leid<\/em><em>\u2028<\/em><em>und la\u00df mir mein Leben!&#8221; <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8220;Herzog Christian f\u00fchrt uns zum Streit<\/em><em>\u2028<\/em><em>kann kein Pardon uns geben<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Lassen mu\u00df der Bauer<\/em><em>\u2028<\/em><em>mir sein Gut und Hab<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>zahlen nicht mit Geld<\/em><em>\u2028<\/em><em>nur mit dem k\u00fchlen Grab&#8221;<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlaf, Kind, schlaf, werde stark und gro\u00df<\/em><em>\u2028<\/em><em>die Jahre, sie rollen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Folg bald selber auf stolzem Ro\u00df<\/em><em>\u2028<\/em><em>Herzog Christian dem Tollen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Wie erschrickt der Pfaff und wirft sich auf die Knie<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201ef\u00fcr den Bauer nicht Pardon<\/em> <em>dem Pfaffen aber nie!\u201c<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Still, Kind, still, wenn Herr Christian kommt<\/em><em>\u2028<\/em><em>der lehrt dich zu schweigen!<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sei fein still, bis dir selber frommt<\/em><em>\u2028<\/em><em>ein Ro\u00df zu besteigen<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Sei fein still, dann bringt der Vater dir bald Brot<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>wenn nach Rauch nicht schmeckt der Wind<\/em><em>\u2028<\/em><em>und nicht der Himmel rot<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Interpretation des Liedtextes<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Horch Kind horch wie der Sturmwind weht<\/em> enth\u00e4lt 5 Strophen mit jeweils 4 Versen. Jede Strophe, abgesehen von der dritten, mittleren Strophe, enth\u00e4lt Elemente, die typisch f\u00fcr ein Schlaflied sind. Eine Mutter spricht zu einem Kleinkind, das Kind wird dazu aufgefordert zu schlafen, sich zu beruhigen, erwachsen zu werden und stark zu sein, zu beten und fromm zu sein. Einige dieser Aufforderungen enthalten Wiederholungen wie: Horch Kind horch, Schlaf Kind schlaf und Still Kind still. In dem Text des Liedes bezieht sich die Mutter auf die unmittelbare Umgebung des Kindes: auf den st\u00fcrmischen Wind, der das Haus ersch\u00fcttert; auf den Abend, die Zeit zum Schlafen; auf die Jahre, die vergehen. Diese Referenzen sind durch Assoziationen verbunden, die im Verh\u00e4ltnis zur t\u00e4glichen Kriegserfahrung stehen: Der Wind, der das Haus ersch\u00fcttert, ist wie der Eindringling, der die Familie gewaltsam packt; die Zeit zum Schlafen ist auch die Zeit zum Sterben; die Jahre, die vergehen, bringen das Kind n\u00e4her an seine eigene Teilnahme am Krieg. Strophe 3 enth\u00e4lt einen Dialog zwischen einem Opfer von Gewalt und einem T\u00e4ter, der den Mangel an Gnade und sozialer Gerechtigkeit dieser Zeit veranschaulicht. Durch die Art und Weise der Ansprache, wird klar, dass das Opfer ein Bauer und der T\u00e4ter ein Soldat ist. W\u00e4hrend das Opfer nur in einem Vers zu Wort kommt, in dem es um sein \u00dcberleben fleht, was seine Hilflosigkeit verdeutlicht, erkl\u00e4rt der T\u00e4ter in drei Versen, dass Barmherzigkeit nicht Teil seiner Mission ist und dass der Bauer ihm alles geben muss, was er hat, wof\u00fcr er dann im Gegenzug ermordet wird.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das Grundmodell der Erz\u00e4hlung von Greimas kann auch in dem Text dieses Schlafliedes gefunden werden. W\u00e4hrend das Kind als \u201aSubjekt\u2019 gesehen werden kann, ist das \u201aObjekt des Begehrens\u2018 seine eigene Sicherheit, der \u201aWidersacher\u2018 ist der kriegstreibende Herzog Christian und seine Soldaten, der \u201aHelfer\u2018 \u00a0ist die Mutter und der \u201aSuperhelfer\u2018 ist Gott. Das Wiegenlied selbst kann als Teil des Hilfeversuches der Mutter gewertet werden, die das Kind vor der grausamen Realit\u00e4t warnt, die auf es wartet, und versucht es vor dem Schlimmsten zu bewahren.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Nach Toolans Methode der Erz\u00e4hlanalyse k\u00f6nnen Charaktereigenschaften durch Handlungen ersichtlich werden, wenn sie nicht durch Adjektive beschrieben werden. Die Charaktere, die in dem Lied erw\u00e4hnt werden, sind:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">1.das Kind, zu dem das Lied gesungen wird und das durch seine zu erwartende Aktion, ein Pferd zu reiten und sich der Armee anzuschlie\u00dfen, als m\u00e4nnliches Kind identifiziert werden kann<\/p><p style=\"text-align: justify;\">2.die Mutter, die sich in der dritten Person Singular in der dritten Zeile der zweiten Strophe als Ratgeberin zu erkennen gibt<\/p><ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\"><li>der Vater, der gegen Ende des Liedes als der Brotbringer und damit als derjenige beschrieben wird, der das Kind mit dem t\u00e4glichen Notwendigen versorgt<\/li><li>Gott, der das Kind beh\u00fcten und vor Schaden sch\u00fctzen kann<\/li><li>Herzog Christian, der durch das Adjektiv \u201atoll\u2018 als wild und unberechenbar beschrieben wird, sowie als stolz und m\u00e4chtig durch seine erh\u00f6hte Position zu Pferde, w\u00e4hrend seine Handlungen ihn als gnadenlos und grausam charakterisieren.<\/li><\/ol><p style=\"text-align: justify;\">Es ist die kriegstreibende Natur des Herzogs, die zwei sich konfrontierende Gruppen geschaffen hat, die Bauern und die Geistlichen als Opfer und die seiner Soldaten als die T\u00e4ter. Bauern und Geistliche sind durch ihr Flehen und Knien in Schock und Angst als erniedrigt und hilflos dargestellt, die Soldaten als stolz und m\u00e4chtig, auf dem R\u00fccken ihrer Pferde. Die grausame Haltung des Herzogs und seiner Soldaten zeigt sich in ihrer Redeweise und ihrem Sarkasmus: Die Bezahlung des Bauern f\u00fcr seine G\u00fcter ist sein k\u00fchlendes Grab und es gibt keine Gnade f\u00fcr die Bauern und niemals Gnade f\u00fcr den Klerus.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die in der zweiten Zeile der ersten Strophe zum Ausdruck gebrachte Angst, dass ein Eindringling die Familie ergreifen k\u00f6nnte, gibt einen Hinweis darauf, dass die Gruppe, zu der das Kind geh\u00f6rt, leicht zu den Opfern geh\u00f6ren k\u00f6nnte. In dieser Situation gewaltsamer Unterdr\u00fcckung, in der nur Opfer und T\u00e4ter existieren, besteht die Wahl zwischen dem Tod als Soldat im Kampf oder der Ermordung durch einen Soldaten zu Hause. Der Rat der Mutter an das Kind lautet, sich der Armee anzuschlie\u00dfen. W\u00e4hrend klar wird, dass Sicherheit als das \u201aObjekt des Begehrens\u2018, nicht erreicht werden kann, wird die Dem\u00fctigung, zu Hause ausgeraubt und ermordet zu werden, als schlimmer angesehen als ein Tod im Kampf. \u201e<em>F\u00e4llst Du in der Schlacht so w\u00fcrgt dich kein Soldat\u201c<\/em>. Das Wiegenlied beginnt mit einem Hinweis auf den st\u00fcrmischen Wind, der das Haus ersch\u00fcttert, und beschreibt dabei die Naturkr\u00e4fte als m\u00e4chtig und gewaltt\u00e4tig wie den Feind. In der letzten Zeile scheinen sogar die Naturgewalten vom Krieg betroffen zu sein. Der Wind schmeckt nach Rauch und der Himmel ist rot. Diese enge Verbindung zwischen Krieg und Natur, die beide in ihrem rohen, gewaltigen und menschenbedrohlichen Zustand beschrieben werden, schafft eine Atmosph\u00e4re des Untergangs und vermittelt einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck von Hilflosigkeit.<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Schlussfolgerungen<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das Wiegenlied <em>Horch Kind horch\u2026<\/em> ist eine der wenigen kulturellen Produktionen, die die Lebenserfahrungen des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges zum Ausdruck bringen. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass diese Erfahrungen nicht alle deutschsprachigen F\u00fcrstent\u00fcmer gleicherma\u00dfen teilten und dass sich das Lied spezifisch auf die Erfahrung der Menschen im Kreis Niedersachsen bezieht.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die imperialen Motivationen, die den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zugrunde liegen, veranschaulichen die Verbindung zum griechisch-r\u00f6mischen Erbe und zu dem Konzept der Ungleichheit, das die Legitimierung von Gewalt erm\u00f6glichte. Das Ausma\u00df der Not, die die Bev\u00f6lkerung der betroffenen F\u00fcrstent\u00fcmer zu ertragen hatte, zeigt sich in der Darstellung der Zeitgenossen sowie im Ausma\u00df des Fatalismus der Kulturproduktionen, die sich auf die Kriegserfahrung bezogen. Aufgrund religi\u00f6ser Indoktrinationen, bei der die Verantwortung f\u00fcr jede Not der S\u00fcnde des Einzelnen zugeschrieben wurde und aufgrund einer Perspektive, die sich eher auf das Leben nach dem Tod als auf die Gegenwart konzentrierte, war die Anzahl an kulturellen Produktionen, die die Erfahrungen von Krieg und Gewalt ansprachen und zum Ausdruck brachten erheblich reduziert. Die wenigen Produktionen, die versuchten, diese Erlebnisse\u00a0 anzusprechen, hatten ihre eigenen Grenzen und waren in ihrer Rezeption eingeschr\u00e4nkt: Die politische Satire dr\u00fcckt nur die Erfahrung von Unstimmigkeit aus, der Roman Simplicius Simplicissimus ist durch seine didaktische Intension beschr\u00e4nkt und auch nur f\u00fcr jene sozialen Klassen zug\u00e4nglich gewesen, die zu dieser Zeit lesen und schreiben konnten und das Wiegenlied <em>Horch Kind horch<\/em> bezieht sich nur auf eine bestimmte Region. Coupe verweist auf die weitreichenden Auswirkungen dieser Unf\u00e4higkeit soziale Krisen kulturell zum Ausdruck zu bringen, indem er herausstellt, dass sich in L\u00e4ndern wie England und Holland die ikonografische Tradition des Mittelalters, aus der sich die religi\u00f6se und politische Satire entwickelt hatte, weiter zum Medium der Karikatur entwickelte, w\u00e4hrend die satirische Produktion in Deutschland nach dem 30-j\u00e4hrigen Krieg aufh\u00f6rte. Coupe f\u00fchrt diese Entwicklung auf das ,,Fehlen eines gesunden politischen Lebens oder einer aktiven und lautstarken politischen Meinung in Deutschland seit anderthalb Jahrhunderten&#8221; zur\u00fcck (Coupe, 1962). Diese Abwesenheit kann als kollektive Antwort auf die Erfahrung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges verstanden werden, die \u00c4hnlichkeit mit der dissoziativen Reaktion auf traumatische Erlebnisse auf der Ebene der individuellen Psychologie aufweist. In einem sozialen Kontext beobachtet Scheff (2007: 8) zwei m\u00f6gliche Reaktionen auf unbest\u00e4tigte Erfahrungen von Trauer, Wut und Scham:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">1) R\u00fcckzug und Schweigen.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">2) Wut, Aggression und Gewalt.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Da die damalige religi\u00f6se Perspektive die Konzentration auf das Leben nach dem Tod und damit den R\u00fcckzug aus der gegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4t ermutigte, l\u00e4sst sich die Wahl einer kollektiven Reaktion aus Schweigen und Dissoziation leicht erkl\u00e4ren. Der Mangel an kollektiver Identit\u00e4t, der durch ein Erleben von Gewalt und sozialer Ungerechtigkeit in der Bev\u00f6lkerung der deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer dabei entstanden ist, wird f\u00fcr die folgenden Blogs von Relevanz bleiben.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Bibliographie<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Benecke, G. (1978). <em>Germany in the Thirty Years War.<\/em> London: Edward Arnold.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Coupe, W. A. (1962). &#8216; Political and Religious Catoons of the Thirty Years War. <em>Journal of the Warburg and the Courtaud Institutes, 1\/2<\/em>(25), 65-86.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Reinhardt, K. F. (1950). <em>Germany: 2000 Years.<\/em> California: The Bruce Publishing Company.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Scheff, T. (2007). <em>War and Emotions: Hypermasculine Violence as a Social System.<\/em> Retrieved March 8, 2009, from <a href=\"http:\/\/www.soc.ucsb.edu\/faculty\/scheff\">http:\/\/www.soc.ucsb.edu\/faculty\/scheff<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Toolan, M. J. (1988). <em>Narrative: A critical Linguistic Introduction.<\/em> London : Routledge.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Abbildungen<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Schlacht am Weissen Berg<\/em> 1620, Interfoto<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00dcberfall auf einen Bauernhof<\/em> \u00a0Jaques Callot, Museum Drei\u00dfigj\u00e4hriger Krieg, Wittstock<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.mdk-wittstock.de\/seite\/9046\/museum-drei\u00dfigj\u00e4hriger-krieg.html\">http:\/\/www.mdk-wittstock.de\/seite\/9046\/museum-drei\u00dfigj\u00e4hriger-krieg.html<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Waffengattungen<\/em>, Diego Ufano Archeley, Frankfurt 1614, Museum Drei\u00dfigj\u00e4hriger Krieg, Wittstock<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.mdk-wittstock.de\/seite\/9046\/museum-drei\u00dfigj\u00e4hriger-krieg.html\">http:\/\/www.mdk-wittstock.de\/seite\/9046\/museum-drei\u00dfigj\u00e4hriger-krieg.html<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gek\u00fcrtzte Audioversion: Audiovisuelle: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Nblku1Rdft8 \u00a0 Die Schlacht am Weissen Berg, 1620 Sozial politischer Hintergrund Die 1517 von Luther initiierten Spaltung der religi\u00f6sen Einheit Europas f\u00fchrte 1618 zu einem lokalen Aufstand b\u00f6hmischer Calvinisten gegen die katholischen Habsburger, der sich in einen europ\u00e4ischen Krieg mit religi\u00f6sen und imperialen Motivationen verwandelte. 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