{"id":333,"date":"2024-04-08T20:18:52","date_gmt":"2024-04-08T20:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/?p=333"},"modified":"2026-01-10T18:25:24","modified_gmt":"2026-01-10T18:25:24","slug":"blog-15-die-preusischen-befreiungskriege-1797-1813","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/index.php\/2024\/04\/08\/blog-15-die-preusischen-befreiungskriege-1797-1813\/","title":{"rendered":"Blog 15: Soziale Krisen der deutschen Geschichte, Die Preu\u00dfischen Befreiungskriege 1797-1813"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"333\" class=\"elementor elementor-333\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-3859cf28 e-flex e-con-boxed e-con e-parent\" data-id=\"3859cf28\" data-element_type=\"container\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"e-con-inner\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-2e1c510b elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"2e1c510b\" data-element_type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t<p>Gek\u00fcrtzte Audioversion:<\/p><audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-333-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B15_audio.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B15_audio.mp3\">https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/B15_audio.mp3<\/a><\/audio><p>Audiovisuelle: <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1oZwwZZuAf8\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1oZwwZZuAf8<\/a><\/span><\/p><p>\u00a0<\/p><p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-337\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic1.png\" alt=\"\" width=\"631\" height=\"417\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic1.png 615w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic1-300x198.png 300w\" sizes=\"(max-width: 631px) 100vw, 631px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Watercolour by Denis Dighton, 1815<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Sozial-politischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg hinterlie\u00df die deutschsprachigen F\u00fcrstent\u00fcmer unter dem Einfluss und der Kontrolle Frankreichs, was die Souver\u00e4nit\u00e4t der deutschen F\u00fcrsten und deren Errichtung autokratischer Regime f\u00f6rderte (Reinhardt, 1950). Die Ideen des f\u00fcrstlichen Absolutismus, die auf dem Konzept der Ungleichheit aufbauten, das von Aristoteles mehrere hundert Jahre zuvor formuliert worden war und in den Schriften Niccolo Machiavellis (1469-1527) ihren Ausdruck fanden, wurden auch von dem franz\u00f6sische Kaiser Ludwig XIV (1638-1715) umgesetzt, der in seinen Anweisungen an den Dauphin schrieb:<\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Wir sind die Vertreter Gottes. Niemand hat das Recht, unser Handeln zu kritisieren. Wer als Subjekt geboren wird, muss gehorchen, ohne zu fragen.<\/em>\u201c<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Louis XIV (Longnon, 2001)<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Simms beschreibt eine soziale Struktur innerhalb der deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer des 18. Jahrhunderts, die auf Herrschaft und Verpflichtung beruhte, und in der sowohl l\u00e4ndliche als auch st\u00e4dtische Gemeinschaften hierarchisch strukturiert waren. Er beschreibt die 150 Jahre vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg bis zur Franz\u00f6sischen Revolution als einen kontinuierlichen Kampf um die Vorherrschaft in Europa, der durch die imperialen Bem\u00fchungen der politischen Machthaber angeheizt wurde. Simms verweist auf ein Zitat des zeitgen\u00f6ssischen deutschen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, der Deutschland als das Schlachtfeld bezeichnete, auf dem sich der Kampf um die europ\u00e4ische Vorherrschaft austrug. Simms erkl\u00e4rt, das Deutschland zu Ende des 18ten Jahrhunderts aus einer losen Ansammlung unabh\u00e4ngiger, halbunabh\u00e4ngiger and abh\u00e4ngiger Gebiete bestand, die das Heilige R\u00f6mische Reich Deutscher Nation ausmachten (Simms, 1998). Dabei hatten sich w\u00e4hrend des 17ten und 18ten Jahrhunderts die Philosophien der Aufkl\u00e4rung in Europa weiterverbreitet und dadurch Kritik gegen\u00fcber absolutistischen Landesregierungen und ihren Unterdr\u00fcckungsherrschaften entfacht. Diese kritische Haltung sowie die sich verst\u00e4rkenden sozialen Missst\u00e4nde trugen 1789 zum Ausbruch der Franz\u00f6sischen Revolution bei. Simms erkl\u00e4rt wie unter dem Banner der Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit eine gesellschaftlich gleichere und vereinte franz\u00f6sische Gesellschaft geschaffen wurde. Dabei wurden alle feudalen Privilegien abgeschafft und durch eine soziale Ordnung ersetzt, die auf Verdienst und nicht auf Geburt beruhte, das Eigentum der Kirche wurde verstaatlicht, w\u00e4hrend die Kirche selbst der Regierung unterstellt wurde, und die vielen nationalen und sprachlichen Minderheiten des K\u00f6nigreiches wurden unter Druck gesetzt die franz\u00f6sische Sprache und Kultur zu \u00fcbernehmen. Da diese neue Gesellschaftsstruktur die feudalistischen Gesellschaften der benachbarten west und mitteleurop\u00e4ischen L\u00e4nder in Frage stellte, entstand der Eindruck, dass das \u201aneue Regime\u2018 nur dann eine \u00dcberlebenschance haben w\u00fcrde, wenn die Revolution auf ganz Europa ausgedehnt w\u00fcrde. Dies zu erreichen war zun\u00e4chst die ideologische Intension der Revolutionskriege. Dabei wurde besonders das Heilige R\u00f6mische Reich als Gegner gesehen, da es alles das vertrat, was das \u201aneue Regime\u2018 verachtete: ein reaktion\u00e4res Durcheinander von kleinen kirchlichen Gebieten und F\u00fcrstent\u00fcmern (Simms, 2014). Der Philosoph und politische Aktivist Thomas Paine der sowohl an den amerikanischen Befreiungskriegen als auch an der franz\u00f6sischen Revolution ma\u00dfgeblich beteiligt war schrieb in einem Brief an den Marquis de la Fayette 1792<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eIch hoffe, es endet in einem Krieg gegen den deutschen Despotismus und in der Befreiung ganz Deutschlands. Wenn Frankreich von Revolutionen umgeben sein wird, wird es in Frieden und Sicherheit sein.\u201c<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em>Ein franz\u00f6sischer Revolution\u00e4r schrieb im gleichen Jahr<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><em>\u201eDas Heilige (R\u00f6mische) Reich, diese monstr\u00f6se Versammlung kleiner und gro\u00dfer Despoten, muss auch durch die Auswirkungen unserer unglaublichen Revolution verschwinden. Das K\u00f6nigreich Frankreich hat es unterst\u00fctzt, die Franz\u00f6sische Republik wird sich f\u00fcr seine Zerst\u00f6rung einsetzen\u201c <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Da die Revolution\u00e4re sich von allen Seiten von feindlichen M\u00e4chten umgeben f\u00fchlten forderten sie die franz\u00f6sische Gesellschaft auf, sich dieser Herausforderung zu stellen, gr\u00fcndeten revolution\u00e4re Armeen und f\u00fchrten 1793 die allgemeine Wehrpflicht ein. Napoleon Bonaparte, als siegreichster General der revolution\u00e4ren Armeen wurde politisch so m\u00e4chtig, dass er sich 1804 mit der Krone Karls des Gro\u00dfen zum franz\u00f6sischen Kaiser kr\u00f6nen lie\u00df. Laut Simms wollte Napoleon in erster Linie Europa dominieren und es nach franz\u00f6sischen Bedingungen und zum Nutzen Frankreichs vereinen. Die Ausf\u00fchrung dieses Plans erforderte, dass er Deutschland kontrollierte, um seine Ressourcen zu sichern und das Erbe des Heiligen R\u00f6mischen Reiches f\u00fcr seine eigenen imperialen Absichten zu nutzen (Simms, 2014). Reinhardt weist darauf hin, dass die napoleonische Invasion Deutschlands von denselben imperialen Motiven inspiriert war, die den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg zwischen 1618 und 1648 initiiert hatten. Napoleon selbst erkl\u00e4rte: \u201e<em>Ich werde die Rolle spielen, die Richelieu Frankreich zugewiesen hat<\/em>\u201c (Bonaparte in Reinhardt 1950: 323). Damit f\u00fchrte er die imperialistischen Bem\u00fchungen Ludwigs XIV fort, indem er sich um die franz\u00f6sische Vormachtstellung \u00fcber die deutschen Staaten bem\u00fchte, das linke Rheinufer in Besitz nahm und durch die Gr\u00fcndung des Rheinbundes einige deutsche F\u00fcrsten dazu bewegen konnte das Reich zu verlassen und sich ihm anzuschlie\u00dfen. Napoleon erreichte schlie\u00dflich sein Ziel und besiegte sowohl die preu\u00dfische als auch die \u00f6sterreichische Armee, was zu dem unr\u00fchmlichen Ende des Heiligen R\u00f6mischen Reiches f\u00fchrte (Reinhardt, 1950). Die Erfahrung von Territorialverlust, Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust und Abr\u00fcstung, die die Folge des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges gewesen war, wiederholte sich mit Napoleons triumphalen Einzug in Berlin und den darauffolgenden Jahren, die von Besatzung und Forderungen nach Kriegsentsch\u00e4digungen gepr\u00e4gt waren. Laut Simms hat diese Erfahrung der Invasion, Teilung und Besetzung durch Frankreich eine ganze Generation von Deutschen traumatisiert (Simms, 1998).<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-338\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic2.png\" alt=\"\" width=\"659\" height=\"517\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic2.png 565w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic2-300x235.png 300w\" sizes=\"(max-width: 659px) 100vw, 659px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Mezzotint by Jazet after Steuben, published by Jazet and Theodore, Vibert, Bance and Schroth, 1870<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kultur-soziologischer Hintergrund<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die Historikerin Karen Hagemann beschreibt, wie Napoleons Sieg \u00fcber die preu\u00dfische Armee im Jahr 1806 zu einer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise in Preu\u00dfen f\u00fchrte, die gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung betraf und in patriotischen Kreisen eine intensive \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber den Ursprung der Niederlage ausl\u00f6ste (Hagemann, 1997) (Hagemann, 2006). Der Verrat der deutschen F\u00fcrsten, die sich Napoleon angeschlossen hatten, wurde zusammen mit einem Mangel an nationaler Haltung f\u00fcr die Niederlage verantwortlich gemacht. Es wurde auch klar, dass der preu\u00dfische Staat und sein Milit\u00e4r einer grundlegenden Reform bedurften und dass eine allgemeine Wehrpflicht nach franz\u00f6sischem Vorbild erforderlich war, um der franz\u00f6sischen Unterdr\u00fcckung entgegenzutreten. Hagemann beschreibt, wie das Erwecken einer nationalistischen Gesinnung und die Konstruktion eines deutschen nationalen Mythos zu einer Notwendigkeit wurde, um eine \u201apatriotische Opferbereitschaft\u2018 aufzubauen. Laut Hagemann wurde die Bereitschaft Waffen zu ergreifen auch durch die Hoffnung der Mittelschicht auf politische Emanzipation weiter verst\u00e4rkt. W\u00e4hrend die franz\u00f6sische Besatzung bis 1808 andauerte, ging der preu\u00dfische K\u00f6nig vor dem Einmarsch der Grand Armee in Russland im Jahr 1812 ein B\u00fcndnis mit Napoleon ein und machte Preu\u00dfen zu einem Einsatzgebiet f\u00fcr die einfallenden Truppen, was die wirtschaftliche Not weiter erh\u00f6hte. Als Napoleon im Dezember 1812 in Russland besiegt wurde, wurde die Zensur f\u00fcr nationalistische Propaganda aufgehoben und patriotische Gef\u00fchle in einer Vielzahl von Medien verbreitet, um die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den bevorstehenden Krieg zu mobilisieren. Laut Hagemann war die Rolle des Liedes in diesem Zusammenhang besonders wichtig, da Lieder auch weniger gebildete Gesellschaftsschichten erreichen konnten. Sie betont dabei die Tradition des Milit\u00e4rliedes, das schon w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution als Propagandamedium verwendet wurde. Hagemann macht deutlich, dass die wichtigste Funktion der patriotischen Lieder und Gedichte offenbar darin bestand, eine historische und religi\u00f6se Legitimation f\u00fcr den bewaffneten Kampf zu geben und emotional aufgeladene Bilder und Stereotypen bereitzustellen, die das kollektive Selbstverst\u00e4ndnis f\u00f6rderten. Das Bild der Nation als \u201aVolksfamilie\u2018 und der Armee als \u201aGemeinschaft der Br\u00fcder\u2018 f\u00e4llt unter diese Kategorie. Die religi\u00f6se und popul\u00e4re Sprache erm\u00f6glichte es patriotischen Liedern und Gedichten, alle Klassen anzusprechen, indem sie kollektives Wissen und akzeptierte Normen nutzten. Hagemann zufolge f\u00f6rderte die patriotische Propagandaliteratur auch das Konzept des deutschen Nationalcharakters, der als Gegenbild zum feindlichen franz\u00f6sischen Nachbarn konstruiert wurde: tugendhaft, einf\u00fchlsam, tiefgr\u00fcndig, treu, aufrecht und tapfer (Hagemann, 1997). Im Gegensatz zu patriotischen Liedern, die den Waffenkampf als freudige Aufgabe darstellten, gab es auch antipatriotische und pazifistische Lieder, die zeigten, dass die Begeisterung f\u00fcr Krieg und das \u201aVaterland\u2018 nicht gleichm\u00e4\u00dfig in der Bev\u00f6lkerung verteilt waren.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht nur sprachlich basierte Medien spielten bei der F\u00f6rderung patriotischer Gef\u00fchle eine wichtige Rolle, sondern auch Malerei, Skulptur und Architektur, die dazu eingesetzt wurden, das Gef\u00fchl der kollektiven Identit\u00e4t durch die Konstruktion einer nationalen historischen und mythologischen Vergangenheit zu f\u00f6rdern.<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-339\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic3.png\" alt=\"\" width=\"632\" height=\"573\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic3.png 377w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic3-300x272.png 300w\" sizes=\"(max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Bildtapete <em>Olympische Feste<\/em> 1824<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der Kulturhistoriker Robin Lenman beschreibt, wie sich nach dem Ende der Napoleonischen Kriege (1815) mit Bildlotterien und Wanderausstellungen, die von Kunstgewerkschaften organisiert wurden, ein Markt f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst zu entwickeln begann, der zur Gr\u00fcndung von Kunstakademien und nationalen Galerien f\u00fchrte sowie zu einer Steigerung der Produktion, Ausstellung und dem Verkauf von Malereien. Es war auch ein Versuch, das deutsche kulturelle Defizit gegen\u00fcber anderen europ\u00e4ischen Nationen zu \u00fcberwinden und die bis dahin vorherrschende kulturelle Hegemonie Frankreichs in Frage zu stellen.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-340\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic4.png\" alt=\"\" width=\"611\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic4.png 423w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic4-300x252.png 300w\" sizes=\"(max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/p><p>Bronze Standbild<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Lenman hebt hervor, dass internationale Ausstellungen zeitgen\u00f6ssischer Kunst zu \u201aM\u00e4nnlichkeitswettbewerben\u2018 zwischen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern wurden, die in \u00e4hnlicher Weise von den Napoleonischen Kriegen betroffen waren und jetzt auch Kunst als Propagandamedium einsetzten.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Auch das Interesse an Geschichte als akademische Disziplin, dass vor dem 18. Jahrhundert begonnen hatte, wurde pl\u00f6tzlich durch die napoleonische Besetzung angeregt, angeheizt durch den Drang, sich auf ferne und ruhmreichere Zeiten zu konzentrieren, um patriotische Gef\u00fchle hervorzurufen und ein Gef\u00fchl der kollektiven Identit\u00e4t zu vermitteln. Lenman beschreibt, wie historische Gesellschaften und Museen gegr\u00fcndet wurden und wie Geschichte zu einem wichtigen Bestandteil intellektueller Debatten wurde, einen bedeutenden Einfluss auf die Architektur aus\u00fcbte, zum Thema in der Literatur wurde und auch in der Malerei nun nach biblischen und mythologischen Themen an dritter Stelle stand. Eine Investition in \u00f6ffentliche Kunst in Form von Fresken, Skulpturen und Denkm\u00e4lern sollte einen weiteren Beitrag leisten, eine Beziehung zur Geschichte herzustellen, wobei Einweihungen und Reden zus\u00e4tzliche M\u00f6glichkeiten f\u00fcr patriotische Propaganda baten.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Lenman betont, dass es die M\u00e4nner der gebildeten deutschen Mittelschicht waren, die, obwohl sie zu dieser Zeit eine Minderheit darstellten, die Protagonisten dieser Propaganda waren und sich zunehmend als Botschafter der deutschen Kultur verstanden, die als Quelle nationaler Werte galt. Er weist auf die ungleiche Beteiligung sozialer Gruppen an diesem Prozess hin, wobei die Arbeiterklasse vom Genuss der bildenden Kunst ausgeschlossen und f\u00fcr bildende K\u00fcnstler unsichtbar war, obwohl sich die bildenden K\u00fcnstler als Repr\u00e4sentanten der gesamten Nation darstellten (Lenman, 1997).<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Ein Verst\u00e4ndnis das Nationalismus als intellektuelle Konstruktion versteht, auf dem die Studien von Hagemann und Lenman basieren, teilen auch die historischen Soziologen Eric Hobsbawm und Benedict Anderson. Hobsbawm betrachtet nationale Traditionen sowie \u00dcberzeugungen und Wertesysteme als Erfindungen, die Werte und Verhaltensnormen vermitteln sollen, und er betrachtet symbolisch und emotional aufgeladene Zeichen als geschaffen, um ein Gef\u00fchl der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit hervorzurufen. Die entscheidende Bedeutung von Geschichte sieht Hobsbawm darin, an die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer dauerhaften politischen Gemeinschaft zu erinnern. Eliten werden dabei als die Protagonisten dieses j\u00fcngsten Aufbaus der Nation angesehen (Hobsbawm, 1983). Anderson betrachtet Nationen als imaginierte politische Gemeinschaften, die als tiefe horizontale Kameradschaften konzipiert sind, und f\u00fchrt das Konzept auf die gro\u00dfen religi\u00f6sen imaginierten Gemeinschaften des Mittelalters zur\u00fcck, wobei er die Nation als ein modernes s\u00e4kulares \u00c4quivalent ansieht (Anderson, 1983).<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-341\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic5.png\" alt=\"\" width=\"628\" height=\"260\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic5.png 723w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic5-300x124.png 300w\" sizes=\"(max-width: 628px) 100vw, 628px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Kulturbeispiel: Das Soldatenlied \u00a0,<em>Holde Nacht, dein dunkler Schleier decket..\u2018<\/em><\/u><\/p><table width=\"406\"><tbody><tr><td width=\"406\"><p><em>Holde Nacht, dein dunkler Schleier decket<\/em><\/p><p><em>Mein Gesicht vielleicht zum letztenmal;<\/em><\/p><p><em>Morgen schon lieg ich dahingestrecket,<\/em><\/p><p><em>Ausgel\u00f6scht aus der Lebend\u2019gen Zahl<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><p><em>Morgen gehen wir f\u00fcr unsre Br\u00fcder<\/em><\/p><p><em>Und f\u00fcr unser Vaterland zum Streit<\/em><\/p><p><em>Aber ach! so mancher kommt nicht wieder,<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>wo sich Freund an Freundesbusen freut.<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>Mancher S\u00e4ugling lieget in den Armen<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>seiner Mutter, f\u00fchlt nicht an ihren Schmerz;<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>sie schreit himmelan, ach! um Erbarmen<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>und dr\u00fcckt hoffnungslos ihn an ihr Herz.<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>Freundlich h\u00fcpft und fragt ein muntrer Knabe:<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>Mutter, kommt nicht unser Vater bald?<\/em><\/p><p><em>Armes Kind, dein Vater liegt im Grabe,<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>sein Auge sieht nicht mehr der Sonne Strahl!<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>Dort liegt schon ein Held mit Sand bedecket,<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>Waise ist das M\u00e4dchen, ist der Knab<\/em><\/p><p><em>hier auch liegt ein Sohn dahingestrecket,<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>der den Eltern Brot im Alter gab.<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>M\u00e4dchen, denke nicht an\u00a0holde Bande<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>denke nicht an Freud und Hochzeitstanz<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>denn die Liebe schlummert schon im Sande<\/em><\/p><p><em>schwinget hoch empor den Totenkranz!<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>Traurig, traurig, da\u00df wir unsre Br\u00fcder<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>hier und dort als Kr\u00fcppel wiedersehn<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>aber heilge Pflicht ist\u00b4s dennoch wieder<\/em><\/p><p><em>mutig seinem Feind entgegengehn<\/em><\/p><p><em>\u00a0<\/em><\/p><\/td><\/tr><tr><td width=\"406\"><em>Rei\u00dft mich gleich des Feindes Kugel nieder<\/em><em>\u2028<\/em><p><em>schwingt mein Geist sich freudig hoch empor<\/em><\/p><p><em>\u2028<\/em><em>ach, wer wei\u00df, sehn wir uns jemals wieder?<\/em><em>\u2028<\/em><\/p><p><em>Darum, Freunde, lebt auf ewig wohl!<\/em><\/p><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-342\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic6.png\" alt=\"\" width=\"618\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic6.png 477w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic6-300x198.png 300w\" sizes=\"(max-width: 618px) 100vw, 618px\" \/><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Interpretation des Liedtextes<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das Gef\u00fchl einer imagin\u00e4ren Gemeinschaft wird im Lied <em>Holde Nacht<\/em> in den ersten beiden Zeilen der zweiten Strophe ,,Morgen gehen wir f\u00fcr unsre Br\u00fcder und f\u00fcr unser Vaterland zum Streit&#8221; zum Ausdruck gebracht. Es war dieses Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Gruppe, die verteidigt werden musste, dass den damaligen H\u00f6rer dazu mobilisieren sollte, sein Leben zu opfern.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die menschliche Erfahrung des zeitlichen Wandels wird von dem Philosophen Paul Ricoeur als das charakteristische Element narrativer Texte beschrieben (Ricoeur, 1984).\u00a0 Obwohl der Text des Liedes <em>Holde Nacht dein dunkler Schleier decket<\/em> in seinem erz\u00e4hlerischen Inhalt begrenzt ist, wird auch in ihm ein zeitlicher Wandel dargestellt, der durch den Krieg ausgel\u00f6st wird. Indem das Lied das Leben in Friedenszeiten beschreibt und es dem Leben gegen\u00fcberstellt, das vom Krieg zerr\u00fcttet wird, bringt es in acht Strophen die Erwartung von Verlust und Trauer zum Ausdruck, die die Kriegserfahrung in Aussicht stellt.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Es gibt in der Erz\u00e4hlung des Liedtextes mehrere Subjekte: die Individuen und die Gruppen, die vom Krieg betroffen sind. Das jeweilige Subjekt \u00e4ndert sich in jeder Strophe, beginnend mit dem einzelnen Soldaten in der ersten Strophe, was durch die Verwendung der ersten Person Singular ,,Morgen schon lieg ich hin gestrecket&#8230;&#8221; deutlich wird. In der zweiten Strophe wird die Perspektive auf die Soldaten als Gruppe ausgedehnt, was durch die Verwendung der ersten Person Plural ,,Morgen gehen wir f\u00fcr unsre Br\u00fcder\u2026&#8221; zum Ausdruck kommt. In den folgenden vier Strophen wechselt das \u201aSubjekt\u2018 zu dem S\u00e4ugling und seiner Mutter, dem Jungen und seiner Mutter, einem Jungen und einem M\u00e4dchen, die Waisen werden, Eltern, die ihren Sohn verlieren und zu einem jungen M\u00e4dchen, das ihre Aussicht zu heiraten verliert. In allen vier Strophen wird die dritte Person Singular verwendet. Strophe f\u00fcnf kehrt zu der Gruppe der Soldaten zur\u00fcck, ausgedr\u00fcckt durch die ersten Person Plural ,,Traurig, traurig, dass wir unsre Br\u00fcder&#8221; und Strophe sechs zu dem einzelnen Soldaten in der ersten H\u00e4lfte der Strophe, und abschlie\u00dfend zu der Gruppe der Soldaten, in der letzten H\u00e4lfte der Strophe jeweils ausgedr\u00fcckt durch die erste Person Singular beziehungsweise Plural. Das Lied spiegelt dabei die Situation am Vorabend des Kampfes wider, in der die Aussicht auf Tod, Verletzung und Verlust, aus der Sicht derer, die vom Krieg betroffen sind zum Ausdruck kommt. Dabei umrahmt die Sicht derer, die den Krieg direkt erleben, hier die Soldaten individuell und als Gruppe, die Sicht derer die indirekt davon betroffen sind, Freunde und Angeh\u00f6rige zu Hause.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Der franz\u00f6sische Literaturtheoretiker Gerard Genette definiert drei Aspekte narrativer Zeit: Reihenfolge, Dauer und H\u00e4ufigkeit (Genette, 1980). Angewendet auf den Liedertext finden wir die Verwendung der Adverbien \u201aMorgen&#8217;, \u201aMorgen schon\u2018 \u201aschon\u2018, \u201agleich\u2018 , und \u201abald\u2019 in sechs der acht Strophen. Dadurch wird deutlich, wie sehr das Gef\u00fchl der Erwartung in den Strophen des Liedes pr\u00e4sent ist. Ein Hinweis auf Dauer erscheint in der ersten Strophe: \u201azum letzten Mal\u2018 und in der letzten Strophe \u201ajemals\u2018 und \u201aewig\u2018. Die Verwendung von Superlativen erzeugt hier eine emotionale Intensit\u00e4t und verleiht der Situation Dramatik und den Eindruck von Endg\u00fcltigkeit. Die letzte Zeile ist ein Abschiedsruf und verst\u00e4rkt diesen Eindruck. Die H\u00e4ufigkeit im Sinne von Wiederholung finden wir nur in Strophe sieben, in der die Pflicht des Soldaten erw\u00e4hnt wird, sich \u201awieder\u2019 dem Feind zu stellen.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Diese beiden letzten Zeilen der siebten Strophe und die folgenden beiden Zeilen der achten Strophe stehen im Gegensatz zum Hauptteil des Liedes, das als Klage und Ausdruck der Erfahrung von Verlust und Angst vor Verlust aus einer Vielzahl von Perspektiven gesehen werden kann. W\u00e4hrend in den beiden letzten Zeilen der siebten Strophe eine patriotische Perspektive zum Ausdruck kommt in der es ein \u201aheilige Pflicht\u2018 ist, sich dem Feind im Kampf zu stellen, wird in den darauffolgenden beiden Zeilen der Tod im Kampf als Heldentat dargestellt. Dadurch wird das, was von au\u00dfen wie eine Niederlage aussieht, in dieser Perspektive zum Sieg. Der Kontrast zwischen dem Abschuss durch die Kugel des Feindes ,,Rei\u00dft mich gleich des Feindes Kugel nieder&#8221; und dem freudigen Hochsteigen des Geistes ,,schwingt mein Geist sich freudig hoch empor&#8221; bringt dieses Paradox weiter zum Ausdruck. Alle vier Zeilen spiegeln die damalige politische Propaganda wider, in der die Kriegsbeteiligung als heldenhafte und w\u00fcrdigende Verpflichtung dargestellt wurde. Interessanterweise wird gerade in diesen Zeilen eine starke Verbindung zu Religion und Spiritualit\u00e4t aufgebaut. Die Pflicht, in die Schlacht zu ziehen, ist eine \u201aheilige\u2019 Pflicht, und nachdem der Soldat niedergeschlagen wurde, ist es sein \u201aGeist\u2019, der vor Freude aufsteigt.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">In den anderen Teilen des Liedes wird kein solcher Hinweis auf Spiritualit\u00e4t oder Religion gegeben. Nur in diesen Zeilen wird auch der Feind benannt. In allen anderen Strophen scheint es der Krieg selbst zu sein, der Leben zerst\u00f6rt und auf vielen Ebenen Verlust und Schmerzen verursacht. Das einzige andere patriotische Element des Liedes ist zu Beginn der zweiten Strophe zu finden, in der das \u201ain den Krieg ziehen\u2019 als eine tugendhafte altruistisches Handlung dargestellt wird ,,Morgen gehen wir f\u00fcr unsre Br\u00fcder und f\u00fcr unser Vaterland zum Streit&#8221;. Die zweite Strophe steht dadurch in Verbindungen zu den Zeilen der siebten und achten Strophe und deren propagandistischen Ausrichtung.\u00a0 Es sind wohl diese Zeilen, die es wahrscheinlich erm\u00f6glicht haben, dass dieses Lied als offizielles Kriegslied zugelassen wurde. In allen anderen Teilen des Liedes werden die Texte, durch den Fokus des Liedes auf menschliche Beziehungen, emotional aufgeladen: die Bindung zwischen Freunden, die Beziehung zwischen Kind und Mutter, zwischen einem Kind und seinen Eltern, einem Sohn und seinen alternden Eltern, einem jungen M\u00e4dchen und ihrem Liebhaber. Das klagende Element wird durch die Verwendung von Kontrasten verst\u00e4rkt, bei denen positive Emotionen durch die zerst\u00f6rerischen Kriegserfahrungen zunichte gemacht werden: der Junge, der gl\u00fccklich herumspringt und fragt, wann sein Vater zur\u00fcckkehren wird, w\u00e4hrend der Vater lange begraben ist; das M\u00e4dchen, das anstelle eines Hochzeitstanzes einen Totenkranz erh\u00e4lt; die junge Mutter, die ihr Baby hoffnungslos ans Herz h\u00e4lt. Romantische Metaphern, die sich auf die Natur beziehen, wie die holde Nacht, die das Gesicht des Soldaten mit einem dunklen Schleier bedeckt, das Auge, das den Sonnenstrahl nicht mehr sieht, der Held, der bereits mit Sand bedeckt ist, die Mutter, die zum Himmel um Gnade ruft,\u00a0 tragen weiter zum emotionalen Charakter des Liedes bei und verst\u00e4rken den Eindruck der Tragik.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Dass Angst, Traurigkeit und Schmerz unter diesen Emotionen im Vordergrund stehen, wird durch die Wiederholung des Adjektivs \u201atraurig\u2019 zu Beginn der Strophe sieben, die Verwendung des Adjektivs \u201aarm\u2019, des Substantivs \u201aSchmerz\u2019 und der Verben \u201aschreien\u2019 und \u201aweinen\u2019 deutlich. Laut Toolan (1988) k\u00f6nnen sowohl Adjektive als auch Handlungen Hinweise zur Charakterisierung geben und zur Unterscheidung zwischen T\u00e4ter und Opfer beitragen. Da das oben erw\u00e4hnte Adjektiv und die Handlung im Zusammenhang mit den Subjekten des Liedes verwendet werden &#8211; das \u201aarme Kind\u2018, \u201adie Mutter &#8230; in ihrem Schmerz &#8230; schreit himmelan\u2018 werden die Subjekte damit als Opfer definiert was durch die wiederholte Verwendung des Verbs \u201adahingestreckt\u2019 und des Verbs \u201aausgel\u00f6scht\u2019 best\u00e4tigt wird. Der Krieg selbst kann durch seine zerst\u00f6rerischen Auswirkungen in diesem Zusammenhang als \u201aT\u00e4ter\u2019 definiert werden. Der Gesamtton des Textes, aus der Perspektive der Opfer geschrieben, ist daher trotz seiner optimistischen patriotischen Einf\u00fcgungen, der von Angst und dunkler Vorahnung.<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><u>Schlussfolgerung<\/u><\/p><p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend das Lied <em>Holde Nacht<\/em> das Erlebnis des Krieges von denen die direkt als auch von denen die indirekt von seinen Auswirkungen betroffen sind widerspiegelt und den Gef\u00fchlen von Angst, Schmerz und Verlust Ausdruck verleiht, enth\u00e4lt es auch die f\u00fcr diese Zeit charakteristischen patriotischen Elemente. Diese patriotischen Zeilen stehen jedoch im Kontrast zum Gesamtton des Liedtextes und wirken eher obligatorisch als pers\u00f6nlich motiviert. Hier wird deutlich, dass die patriotische Perspektive eine von au\u00dfen aufgezwungene Sicht und nicht eine durch eigene Erfahrung entstandene Sehensweise war. Interessant ist auch die Geschichte des Liedes. Der deutsche Linguist und Volkskundler Wolfgang Steinitz nimmt an, das das Lied <em>Holde Nacht<\/em>, dessen Verfasser unbekannt ist, von einem preu\u00dfischen Landwehrmann geschrieben wurde und aus den Kriegsjahren 1813-15 stammt. Es machte, laut Steinitz, auf die Soldaten einen so tiefen Eindruck und stimmte sie so wehm\u00fctig, dass es in einigen der Truppen verboten wurde. Das Lied <em>Holde Nacht<\/em>\u00a0wurde durch Pamphlete schon fr\u00fch weit verbreitet (Steinitz, 1979). Ein Zeitgenosse berichtet:<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eH\u00f6rte ich 1813 von den Soldaten und sp\u00e4ter vom jungen Volk oft singen; immer hatte das Lied auf mich, den Knaben, eine ergreifende Wirkung. Wie bei mir, so bei andern.&#8221;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>Kantor Jacob aus Konradsdorf bei Haynau, Schlesien, 1840<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die wichtig Rolle, die zwischenmenschliche Beziehungen spielen, wie in Kapitel 1 er\u00f6rtert, wird in dem Lied \u201aHolde Nacht..\u2018 deutlich. Es war die Erwartung des Verlustes dieser Beziehungen, die die Soldaten vor der Schlacht\u00a0so tief ber\u00fchrt hat, so dass sie nicht nur an sich und ihren eigenen nahen Tod dachten, sondern an all die, die davon betroffen sein w\u00fcrden. Auch die patriotische Propaganda machte sich die Bedeutung emotionaler zwischenmenschlicher Beziehungen zunutze und verwendete Begriffe, die einen engen Bezug suggerierten (Vaterland, Kriegsbr\u00fcderschaft usw\u2026) um die Soldaten f\u00fcr den Kampf zu motivieren. Schon f\u00fcr die Franz\u00f6sische Revolution mit ihrem Ruf nach Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit war die Idee der sozialen Gemeinschaft grundlegend gewesen. Jedoch wurde der Ruf nach Gleichheit dazu benutzt, eine allgemeine Wehrpflicht einzuf\u00fchren, was dazu f\u00fchrte, dass die revolution\u00e4ren Armeen so gro\u00df wurden, das imperialistische Ambitionen durch sie verwirklicht werden konnten. So wurde das Verlangen nach Gleichheit, das das Konzept der Ungleichheit auf dem der Imperialismus aufbaute, in Frage stellte, in sein Gegenteil gekehrt und das Bed\u00fcrfnis nach sozialem Zusammenhalt (Br\u00fcderlichkeit) ausgenutzt, um die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr imperialistische Kriegsz\u00fcge zu gewinnen.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Die preu\u00dfischen Befreiungskriege waren eine Reaktion auf die imperialistische Invasion Napoleons und ein \u00e4hnlicher patriotisch nationalistischer Diskurs wurde notwendig, um die Bev\u00f6lkerung der deutschen F\u00fcrstent\u00fcmer von der Notwendigkeit einer allgemeinen Wehrpflicht zu \u00fcberzeugen und f\u00fcr die Befreiungskriege zu mobilisieren. Hageman beschreibt, wie die Idee des Nationalismus, die von der deutschen Mittelschicht zu dieser Zeit gef\u00f6rdert wurde, auf Konzepten beruhte, die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelt hatten. Hageman versteht das Konzept der Nation als eine kulturelle Konstruktion, deren deutsche Version von den M\u00e4nnern des Bildungsb\u00fcrgertums erschaffen wurde. Der patriotische nationale Diskurs, die Formen der Repr\u00e4sentation der Nation sowie die Praxis der nationalen Bewegung waren daher gepr\u00e4gt von ihre \u00c4ngsten, W\u00fcnschen, Bed\u00fcrfnissen, Hoffnungen und Visionen. Hageman hebt in diesen Zusammenhang hervor, dass diese M\u00e4nner mehr als jede andere gesellschaftliche Gruppe von den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Ver\u00e4nderungen die Krieg und Revolution verursacht hatten, betroffen waren und eine geistige Desorientierung und soziokulturelle Unsicherheit erlebten, die sich auch auf ihr m\u00e4nnliches Selbstverst\u00e4ndnis bezog (Hagemann, 1997).<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Das es einen Bezug zwischen einer problematischen Geschlechterrollenidentit\u00e4t und Gewalt gibt wurde bereits in Kapitel 1 erw\u00e4hnt, mit Verweis auf das von Scheff entworfenen Konzept der \u201aHypergender\u2018. Die durch die deutschen patriotischen Schriften gef\u00f6rderte Charakterisierung des deutschen Mannes als tapfer und wehrhaft und der deutschen Frau als h\u00e4uslich und religi\u00f6s kommt dem nahe, was Scheff als hypermaskuline und hyperfeminine Typen bezeichnet. Diese Typen entstehen, laut Scheff, wenn Erlebnisse von entweder Scham, Verlust oder Erniedrigung, nicht verarbeitet werden. Das Gef\u00fchl von sozialem Bezugsverlust, das durch diese Erlebnisse auf der pers\u00f6nlichen Ebene entsteht, ist zu vergleichen mit dem Gef\u00fchl des gesellschaftlichen Bezugsverlustes, den die M\u00e4nner des deutschen Bildungsb\u00fcrgertums seit Ende des 18. Jahrhunderts erlebten. Hagemann verweist darauf, dass die nationalen Mythen, Symbole und Rituale, sowie das Ideal der m\u00e4nnlichen Wehrhaftigkeit, dass damals geschaffen wurden, um die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr die Befreiungskriege zu mobilisieren, bis heute relevant geblieben sind (Hagemann, 1997).<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Zitate von Zeitgenossen best\u00e4tigen, dass die franz\u00f6sischen Kriege, Belagerungen und der Zerfall des Reiches von vielen als Erniedrigung erlebt wurden. Der Geograph August Zeune bemerkte 1808 verbittert das die Deutschen \u201e<em>wie Tiere behandelt, ausgetauscht, verschenkt, abgetreten (und) niedergetrampelt (wurden)\u2026 wie ein Ball\u2026 von einer Hand zur anderen weitergegeben\u201d<\/em> (Simms, 2014). In einer Brosch\u00fcre, die 1806 vom N\u00fcrnberger Buchh\u00e4ndler Johann Philipp Palm ver\u00f6ffentlicht wurde mit dem Titel <em>Deutschland in seiner tiefsten Dem\u00fctigung<\/em>\u00a0hei\u00dft es<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>.. \u201eOhne R\u00fchrung kann freilich ein Deutscher die Erniedrigung seines Vaterlandes nicht einmal ansehen, viel weniger pers\u00f6nlich empfinden und \u00f6ffentlich davon reden<\/em>.\u201d<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><em>unbekannt, 1877<\/em><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Scheff betont, dass es insbesonders Erlebnisse von Scham und Erniedrigung sind, die, wenn sie nicht anerkannt und dadurch verarbeitet werden, das Potential haben zu gewaltt\u00e4tigen Handlungen zu f\u00fchren. Das eine Anerkennung des Erlebnisses der Erniedrigung, zu dieser Zeit nicht m\u00f6glich war, wurde dadurch deutlich, dass Philipp Palm wegen der Ver\u00f6ffentlichung der Brosch\u00fcre <em>Deutschland in seiner tiefsten Dem\u00fctigung<\/em>\u00a0noch im selben Jahr von Napoleon zum Tod verurteilt und hingerichtet wurde.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-343\" src=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic7.png\" alt=\"\" width=\"618\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic7.png 425w, https:\/\/crinklefilms.ie\/blog\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Blog15_pic7-300x211.png 300w\" sizes=\"(max-width: 618px) 100vw, 618px\" \/><\/p><p>Die Hinrichtung Johann Philipp Palms<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Bibliographie<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Anderson, B. (1983). <em>Imagined Communities: Reflections On the Origin and Spread of Nationalism.<\/em> London: Verso.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Genette, G. (1980). <em>Narrative Discourse: an Essay in Method.<\/em> New York: Cornell UP.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Hagemann, K. (1997). Of &#8220;Manly Valor&#8221; and &#8220;German Honor&#8221;: Nation, War and Masculinity in the Age of the Prussian Uprising against Napoleon. <em>Central Europeen History, 30<\/em>(20), 187-220.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Hagemann, K. (2006). Occupation, Mobilization, and Politics: The Anti-Napoleonic Wars in Prussian experience. <em>Central European History, 39<\/em>(4), 580-610.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Hobsbawm, E. (1983). <em>The Invention of Tradition.<\/em> Cambridge: Cambridge UP.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Lenman, R. (1997). <em>Artists and Society in Germany 1850-1914.<\/em> Manchester: Manchester UP.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Longnon, J. (2001). <em>M\u00e9moires de Louis XIV. Jean Longnon, Tallandier, Paris 2001.<\/em> Paris: Tallandier.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Reinhardt, K. F. (1950). <em>Germany: 2000 Years.<\/em> California: The Bruce Publishing Company.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Simms, B. (1998). <em>The struggle for Mastery in Germany 1779-1850.<\/em> London: Macmillian Press.<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Abbildungen<\/p><p style=\"text-align: justify;\">Watercolour by Denis Dighton, 1815<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/collection.nam.ac.uk\/detail.php?acc=1975-05-7-1\">https:\/\/collection.nam.ac.uk\/detail.php?acc=1975-05-7-1<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Mezzotint by Jazet after Steuben, published by Jazet and Theodore, Vibert, Bance and Schroth, 1870 (c)<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/collection.nam.ac.uk\/detail.php?acc=1971-02-33-437-1\">https:\/\/collection.nam.ac.uk\/detail.php?acc=1971-02-33-437-1<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">Bildtapete <em>Olympische Feste<\/em> im Herrenhaus R\u00fcdigsdorf (Sachsen) von 1824<\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.monumente-online.de\/de\/ausgaben\/2007\/2\/liebestolle-goettinnen-blumen-und-girlanden.php\">https:\/\/www.monumente-online.de\/de\/ausgaben\/2007\/2\/liebestolle-goettinnen-blumen-und-girlanden.php<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bronzestandbild_-_panoramio.jpg\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bronzestandbild_-_panoramio.jpg<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/www.versobooks.com\/en-gb\/blogs\/news\/4011-imagined-communities-an-introduction\">https:\/\/www.versobooks.com\/en-gb\/blogs\/news\/4011-imagined-communities-an-introduction<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/deutsche-schutzgebiete.de\/wordpress\/befreiungskriege-1813-1815\/\">https:\/\/deutsche-schutzgebiete.de\/wordpress\/befreiungskriege-1813-1815\/<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Hinrichtung_Johann_Philipp_Palms.jpg\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Hinrichtung_Johann_Philipp_Palms.jpg<\/a><\/p><p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gek\u00fcrtzte Audioversion: Audiovisuelle: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1oZwwZZuAf8 \u00a0 Watercolour by Denis Dighton, 1815 Sozial-politischer Hintergrund Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg hinterlie\u00df die deutschsprachigen F\u00fcrstent\u00fcmer unter dem Einfluss und der Kontrolle Frankreichs, was die Souver\u00e4nit\u00e4t der deutschen F\u00fcrsten und deren Errichtung autokratischer Regime f\u00f6rderte (Reinhardt, 1950). 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