Blog 1: Die gute und die schlechte Nachricht

Eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur, die den Zusammenhang zwischen Trauma und Gewalt beleuchtet und sich auf die deutsche Vergangenheit bezieht

..und (ihr) werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien

Johannes 8:32

 

                  Einzelbild aus dem Film Das Vermächtnis

 

Vorwort

Die kollektive, institutionelle und industrielle Gewalt des deutschen Nationalsozialismus zu Beginn des 21st Jahrhunderts hat das bis dahin bestehende Bild eines sich mit zunehmender Zivilisation immer weiter kultivierenden und nach humanistischem Vorbild verbessernden Menschen zutiefst erschüttert.

Wie konnten Gewalttaten von einem solchen Ausmaß in einem ‘Kulturstaat’ stattfinden?

Kunst und Kultur schienen dabei selbst in Anbetracht dieser Gräueltaten fragwürdig geworden zu sein. (Adornos Erklärung, dass das Schreiben von Gedichten nach Ausschwitz barbarisch wäre (Adorno 1949).  

Es ist daher notwendig geworden, dass wir unser Selbstverständnis revidieren und unsere Erkenntnisse der menschlichen Natur grundlegend erweitern, um zu verstehen, wie Gewalt möglich wird und damit auch, wie Gewalt verhindert werden kann. Wir können die Morde des nationalsozialistischen Regimes nicht mehr ungeschehen machen, aber wir können das extreme Ausmaß der Gewalt zum Anlass nehmen, uns intensiv mit unserer eigenen Natur und Geschichte auseinanderzusetzen. Wenn wir dabei Zusammenhänge erkennen, die Gewalt in der Zukunft verhindern können, dann sind die vielen Opfer dieser Zeit nicht umsonst gewesen.  

Es ist das Anliegen dieser Blogserie, eine solche Auseinandersetzung zu fördern und damit dazu beizutragen, dass wir uns als Menschen besser verstehen. Dieses Verständnis sollte es ermöglichen, mehr im Einklang mit uns selbst, unserer Umwelt und anderen zu leben. Sollte es uns gelingen, die Gewalt des Nationalsozialismus zum Anlass zu nehmen, um ein solches Verständnis zu fördern, dann würden wir damit dem Leiden der Opfer im Nachhinein einen Sinn geben können.  

Ich persönlich, als Deutsche und damit Nachfahre derer, die an dieser Gewalt beteiligt waren, sehe eine solche Auseinandersetzung als Möglichkeit einer Wiedergutmachung aber gleichzeitig auch als Gelegenheit für eine dringend notwendige positive Veränderung in einer Gegenwart, die von neuen Gewaltausbrüchen gezeichnet ist.

 

 Vorgehensweise

Für diese Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur, die die Gewalt des Nationalsozialismus als Anstoß nimmt, um den mentalen Ursprung von Gewalt zu ergründen, werde ich auf Studien unterschiedlicher Disziplinen verweisen, die ich miteinander in Verbindung bringen werde. Dabei werde ich Studien der Neurobiologie, der Psychotherapie und Psychologie, der Soziologie, der Geschichte, der Literatur, Musik, Kunst und der Medienwissenschaften heranziehen, um ein Verständnis von Trauma und Gewalt zu vermitteln und dieses in den Zusammenhang der europäischen Geschichte und Kultur zu  tellen. Für diesen multi- und interdisziplinären Ansatz wird es notwendig sein, manche detaillierten und komplizierten Vorgänge in vereinfachter Form wiederzugeben. Die Veranschaulichung von Grundprinzipien wird dabei im Vordergrund stehen, während genaue Einzelheiten nicht immer erwähnt werden können. Ich werde allerdings im Text auf die jeweiligen Studien verweisen und am Ende jedes Blogs die Autor/innen und ihre Publikationen im Detail angegeben, so dass weitere Informationen im Original nachgelesen werden können. Parallel zu dem theoretischen Teil des Blogs werde ich autobiographische Erzählungen einfügen, die einen persönlichen Bezug ermöglichen und die Relevanz der Studien im individuellen Kontext veranschaulichen sollen.  

Der theoretische Teil dieses Blogs basiert auf einer Doktorarbeit, die 2013 in englischer Sprache veröffentlicht wurde, sowie auf weiteren darauffolgenden Recherchen.  

Die Blogserie ist in 3 Teile aufgeteilt, wobei sich der erste mit dem kausalen Zusammenhang zwischen Trauma und Gewalt befasst, der zweite Teil sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzt und der dritte Teil Rückschlüsse für unsere Gegenwart und Zukunft daraus zieht. Eine neue Blog Veröffentlichung ist alle 7 Tage vorgesehen. Gekürzte Versionen sind über Facebook und Instagram zugänglich.

 

Blogserien- Übersicht

Teil 1 Trauma und Gewalt

Blog 1. Die gute und die schlechte Nachricht/ Vorwort

Blog 2. Die Natur des Menschen

Blog 3. Was verstehen wir unter Trauma

Blog 4. Trauma als psychische Wunde a) Das Erinnern

Blog 5. Trauma als psychische Wunde b) Die traumatische Erinnerung

Blog 6. Trauma als psychische Wunde c) Die Auswirkungen traumatischen Erinnerns

Blog 7. Trauma ähnliche Erlebnisse im sozialen Umfeld a) Der soziale Bezug und seine Bedeutung

Blog 8. Trauma ähnliche Erlebnisse im sozialen Umfeld b) Sozialer Bezugsverlust und Gewalt

Blog 9. Bezugsverlust und Gewalt im gesellschaftlichen Zusammenhang

 

Teil 2 Trauma und die deutsche Geschichte

Blog 10. Sozialer und gesellschaftlicher Bezugsverlust innerhalb der deutschen Geschichte: eine geschichtliche, sozialgeschichtliche und kultursoziologische Betrachtung

Blog 11. Das Konzept der Ungleichheit als Legitimierung von Gewalt in der frühen europäischen Geschichte Soziale Krisen der deutschen Geschichte

Blog 12. A) Der Bauernkrieg 1524-1525

Blog 13. B) Der 30jährige Krieg 1618-1648.

Blog 14. C) Die preußischen Befreiungskriege 1797-1813.

Blog 15. D) Die industrielle Revolution.

Blog 16. E) Der erste Weltkrieg

Blog 17. Institutionalisierte und industrialisierte Gewalt als Folge unverarbeiteter Krisen

 

Teil 3 Der Weg nach vorne

Blog 18. Das Wiederaufbauen von verlorengegangenen Bezügen

Blog 19. Die gute und die schlechte Nachricht und was wir aus der Gewalt des

Nationalsozialismus lernen können

Blog 20. Nachwort

 

Literaturverzeichnis

 Teil 1

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 Teil 2

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Teil 3

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