Blog 3: Was verstehen wir unter Trauma?

Montparnasse Zugunglück 1895

Trauma ist ein Wort, das heute im täglichen Sprachgebrauch vielfältig verwendet wird. Aber verstehen wir wirklich, worum es sich dabei handelt?

Das Wort Trauma (griech. Wunde) kommt aus dem medizinischen und steht für eine physische Verletzung, die durch Gewaltanwendung von außen entstanden ist. Wir finden eine Benutzung dieses Begriffes im medizinischen Zusammenhang seit dem 17. Jahrhundert.

Roger Luckhurst, Professor für moderne und zeitgenössische Literatur, beschreibt die Entwicklungsgeschichte des Trauma Begriffes, und stellt dabei heraus, wie sich dieser im 19ten und 20zigsten Jahrhundert mit der industriellen Entwicklung verändert hat. Die Erfahrungen, dass es bei Zugunglücken und anderen industriellen Unfälle nicht nur physisch Verletzte geben kann, sondern auch Menschen, die in ihrem Denken und Handeln durch das Erlebnis negativ beeinflusst werden, ließ die Idee aufkommen, dass auch die Psyche des Menschen verwundbar ist. Die Idee des Traumas als bleibende psychische Wunde, wurde durch den ersten Weltkrieg verstärkt, nach dem viele Soldaten Störungen aufwiesen, die als Neurosen (Shell-Shock) bezeichnet wurden und mit den Symptomen der bisher nur bei weiblichen Patienten diagnostizierten Hysterie verglichen wurden. Luckhurst hebt hervor, dass es erst nach dem Vietnamkrieg und den Bemühungen vieler Psychiater, die für die Kompensationszahlungen von Vietnamkriegsveteranen kämpften, 1980 zu der offiziellen Anerkennung von post-traumatischen Symptomen kam. Diese Anerkennung erfolgte durch die Aufnahme des Begriffes ‘Post Traumatic Stress Disorder’ (PTSD) (Posttraumatische Belastungsstörung) in die dritte Ausgabe des Handbuches der Klassifizierung psychischer Störungen durch die amerikanisch psychiatrische Association (APA). Luckhurst erklärt weiter, dass sich die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, die sich mit der Idee des Traumas, als einer Form anhaltender psychischer Verletzung auseinandersetzte, nicht nur auf Vietnamkriegsveteranen beschränkte, sondern auch auf andere Gruppen, die extreme Erlebnisse erfahren hatten, wie zum Beispiel die Opfer von Sklaverei und der Bombardierung Hiroshimas. Es war, so schreibt Luckhurst, erst in diesem Zusammenhang, dass der Holocaust als eigentliches Trauma der modernen westlichen Zivilisation erkannt und gesehen wurde. Die Debatte um Trauma wurde von den zu dieser Zeit aufkommenden aktivistischen Gruppierungen wie z.B. der Antivietnambewegung, der Frauenbewegung und der ‚Black Power‘ Bewegung aufgegriffen und deshalb mit den Ideen der Identitätspolitik, die die Standpunkte einer weißen patriarchalen Gesellschaft kritisch hinterfragten, in Verbindung gebracht. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff des Trauma Opfers wichtig. Die Debatte um Trauma ist dann, laut Luckhurst, in den späten 1980ziger Jahren akademisch aufgegriffen worden und seitdem ein wichtiger Bestandteil vieler Geisteswissenschaften wie Philosophie, Literaturwissenschaften, Anthropologie, Geschichte und Soziologie (Luckhurst, 2008).

Nachdem wir erörtert haben, wie sich das Verständnis von Trauma entwickelt hat, ist es wichtig zu verstehen, wie es zu einem traumatischen Erleben kommen kann und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Dies ist das Thema der folgenden drei Blogs.

Bibliographie

Luckhurst, R. (2008). The Trauma Question. New York: Routledge.

 

Abbildungen

https://en.wikipedia.org/wiki/Montparnasse_derailment