Blog 13: Soziale Krisen der deutschen Geschichte

  1. Der Bauernkrieg 1524-1525

In diesem Teil der Blog Serie werde ich auf Ereignisse der deutschen Geschichte verweisen, die man als soziale Krisen beschreiben kann, da sie eine negative Auswirkung auf ein Gefühl der sozialen und gesellschaftlichen Zugehörigkeit hatten. Dazu werde ich zunächst den sozialgeschichtlichen Hintergrund skizzieren und dann eine zeitgenössische kulturelle Produktion analysieren, bevor ich Rückschlüsse auf die weiterreichenden sozialgeschichtlichen Folgen der jeweiligen Krise ziehen werde. Die erste soziale Krise, die ich in diesem Zusammenhang ausgewählt habe, ist der Bauernkrieg, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stattfand.

Gemälde zum Großen Deutschen Bauernkrieg von Max Lingner 1951-1955

Sozialpolitischer Hintergrund

Der Bauernkrieg 1524-1525 kann als Auswirkung der sich seit des 11. Jahrhunderts zunehmend verstärkenden sozialen Ungleichheit verstanden werden. Der Geschichtswissenschaftler Kurt Frank Reinhardt beschreibt, wie die Einführung einer Geldwirtschaft nach römischen Prinzipien zusammen mit der Einführung des römischen Rechtes nach dem 11. Jahrhundert die traditionellen Stammesgesetze schrittweise ersetzte. Reinhardt erklärt, dass diese neue Gesetzgebung anfing die Wirtschaft zu regulieren und zu Stadthandel und kapitalistischem Unternehmertum führte, eine Situation, die von den politischen und wirtschaftlichen Machthabern zu ihrem eigenen Vorteil genutzt wurde. Dies führte zu der finanziellen Abhängigkeit der Bauern, die dadurch so verarmt und unterdrückt wurden, dass ihr Status und ihre Lebensbedingungen, denen von Sklaven nahekamen. Jacob Wimpheling, ein zeitgenössischer Pädagoge, Priester, Dichter und Geschichtsschreiber äußert sich dazu mit den folgenden Worten:

Nach der verdammten Lehre der neuen Juristen soll der Prinz alles im Land sein, aber die Menschen nichts, die Menschen haben nichts zu tun, als zu dienen und Steuern zu zahlen

Jacob Wimpheling 1450-1528

Reinhardt verweist darauf, dass es das römische Rechts- und Währungssystem war, das die soziale, politische und wirtschaftliche Ungerechtigkeit förderte. Er sieht den Aufstand der Bauern in den deutschen Fürstentümern als den Kampf der vorher bestehenden Agrargesellschaft gegen das neue kapitalistische Wirtschaftssystem, das es ersetzen sollte. Er beschreibt, wie die Bauern von dem Geist der Revolution inspiriert waren, den Martin Luther mit seiner offenen Opposition gegen die Korruption der römisch-katholischen Kirche zu dieser Zeit gefördert hatte. Es wurde eine Liste moderater Reformforderungen (,Die zwölf Artikel’) vorgelegt, der sich die Bauern in allen Teilen der deutschen Fürstentümer anschlossen. Als diese abgelehnt wurden, entwickelte sich die Bewegung zu einer sozialen Revolution. Anstatt die Bauern zu unterstützen, wandte sich Luther gegen sie und forderte die Fürsten und Herren auf,

man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss

Martin Luther, Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren, 1525

Auf Luthers Rat hin wurde der Aufstand gewaltsam niedergeschlagen. Laut Reinhardt wurden hunderttausend Bauern im Kampf überwunden, Tausende verwundet und gefoltert sowie Zehntausende getötet (Reinhardt, 1950).

Kultursoziologischer Hintergrund

Als kulturelles Beispiel werde ich ein Lied analysieren, das während des Bauernaufstandes entstand und das Erlebnis der Bauern dieser Zeit widerspiegelt.

Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Beutin beschreibt Das Bündische Lied als eines der wenigen verbliebenen Lieder, die den sozialpolitischen Aufstand belegen. In den Texten wird eine kleine Anzahl von Symbolen verwendet, die in ihrem zeitgenössischen Kontext dekodiert werden müssen. Das Lied beginnt mit der symbolischen Beschreibung eines Geiers, der aus dem Schwarzwald stammt und seine vielen Jungen unter den Bauern überall aufzieht. Beutin zufolge war der Geier das Symbol der Bauernrevolution, die in der Region des ,Schwarzwaldes’ begann und sich von dort aus auf andere deutschsprachige Fürstentümer ausbreitete. Die in der letzten Strophe erwähnten Klöster und Burgen wurden als visuelles Zeichen der Unterdrückung angesehen, die die Bauern sowohl vom Adel als auch von den geistlichen Autoritäten ertragen mussten. Beutin klassifiziert das Bündische Lied als Vertreter des Volksliedes, das den Bauernkrieg in Form von Pamphleten begleitete. Laut Beutin führten die Übersetzungen humanistischer Schriften ins Deutsche und die Weiterentwicklung der Drucktechnologie Mitte des 15. Jahrhunderts zur Verbreitung kritischer Ideen und trug dadurch zu der ersten Form von Gesellschaftskritik in den deutschsprachigen Gebieten bei. Ulrich von Hutten, Thomas Müntzer und Hans Sachs waren in diesem Zusammenhang die einflussreichsten Stimmen. Das neue Format, das es der Literatur ermöglichte, eine Schlüsselrolle bei der Initiierung der mit der Reformation verbundenen politischen und religiösen Veränderungen zu spielen, waren Pamphlete, die in Form von Gedichten, Liedern, Predigten, Briefen, Chroniken, Dramen und Dialogen erschienen. Zusammen mit öffentlichen religiösen Auseinandersetzungen, die vor großen Menschenmengen stattfanden und Tage oder sogar Wochen dauern konnten, trug die Verbreitung von Pamphleten zur Bildung einer sogenannten öffentlichen Meinung bei. Beutin betont, dass in den neun Jahren dieser religiös-politischen Revolution, von Luthers Veröffentlichung der 95 Thesen im Jahre 1517 bis zum Ende des Bauernkrieges im Jahre 1526, die Literatur nicht nur die Ereignisse der Zeit illustrierte und kommentierte, sondern auch eine relevante Rolle spielte in dieser historischen Bewegung. Die Realität wurde auf eine Weise dargestellt, die bis zu diesem Zeitpunkt unbekannt war, da Bauern und andere Mitglieder der unteren sozialen Schichten jetzt, Adligen und Geistlichen gleich, als Hauptfiguren vorkamen, während sie bisher entweder nicht Teil einer literarischen Beschreibung waren oder nur als Teil des Hintergrunds dargestellt worden waren. Das Leben wurde so beschrieben, dass das Bedürfnis nach Veränderung deutlich wurde und alle sozialen Schichten dabei angesprochen waren. Beutin listet drei charakteristische Elemente der damaligen Pamphlete auf, die die Texte zugänglich und überzeugend machen sollten:

1) Die großzügige Verwendung von Bibelzitaten, die zeigen, dass der Inhalt des Textes der Heiligen Schrift nahe steht.

2) Die Verwendung gebräuchlicher Ausdrücke und Phrasen, um die Verbindung zur breiten Öffentlichkeit herzustellen.

3) Die grobe und polemische Wahl der Ausdrücke, die darauf abzielen, einen Gegner zu beleidigen.

Beutin weist darauf hin, dass für diesen kurzen Zeitraum die Perspektive der unteren Klassen über der Meinung der herrschenden Klassen dominierte und sich die einfachen Leute in die religiöse und politische Kontroverse einbezogen fühlten. Sowohl der Kaiser als auch die Kirche reagierten schnell mit der Einführung der Zensur und untersagten den Druck, den Verkauf und die Verbreitung von schriftlichem Material, das der Kirche und den Fürsten gegenüber kritisch war. Die Folgen für Drucker, Autoren und Buchhändler waren hart: Exkommunikation, Verlust der Bürgerrechte, Inhaftierung, Folter und Hinrichtung. Der Prediger und Theologe Thomas Müntzer gehörte zu den 1525 hingerichteten Personen und einige Autoren arbeiteten daraufhin unter dem Deckmantel der Anonymität. Laut Beutin war die soziale Krise, mit der sich die Literatur der Reformation befasste, die Unterdrückung der unteren Klassen durch Adel und Geistliche, die sich mit dem Wachstum der internationalen Märkte, der Gründung von Handelsunternehmen und der Entwicklung einer interessenbezogenen Geldwirtschaft verstärkte. Beutin stellt fest, dass ein Ruf nach persönlicher Freiheit die Hauptforderung der unteren Klassen war und die Brüderlichkeit als Ausdruck der Gleichheit eine der wichtigsten Visionen der Bauern darstellte. Diese Idee von Freiheit und Gleichheit war durch den von Luther 1520 veröffentlichten Text Von der Freiheit eines Christenmenschen initiiert worden, der die Bauern tief beeindruckt und zu ihrem Aufstand angeregt hatte. Beutin hebt hervor, dass Das Bündische Lied eines von wenigen überlieferten Liedern aus dem Bauernkrieg ist und auch in seiner bauernfreundlichen Perspektive eine Seltenheit darstellt. Aufgrund der Zensur durch den Souverän nach der Niederlage der Bauernarmee sind die meisten Lieder dieser Zeit bauernfeindlich und repräsentieren die Perspektive derjenigen, die zu dieser Zeit an der Macht waren. Die wenigen bauernfreundlichen Lieder, die erhalten geblieben sind, stammen aus zeitgenössischen Folteraufzeichnungen (Beutin, 2008).

Kulturbeispiel: Das Bündische Lied, Text zu einem Lied des Bauernaufstandes

Ein Geier ist ausgeflogen
Im Hegau am Schwarzwald

Der hat viel Junge erzogen
Bei den Bauern überall.

Sie sind aufrührig geworden
In deutscher Nation
Und haben ein ́ eignen Orden

vielleicht wird ́s gut ihnen gehn

 

Was mag sein ihr Begehren

der braven Biederleut?
Es scheint der Wahrheit Stern

Es ist reif jetzt die Zeit

Es geschieht mit Gottes Willen

Ist unserer Sünden Schuld
Er kann und wird es stillen

Gott geb uns Gnad und Huld

 

Jetzt sing ich von den Bauern

Und ihrem Regiment
Manch einer nennt sie Lauren

Und weiss doch nicht das End

Es tun’s Schinder und Schaber

Die treiben Übermut;
Hüt’t euch, ihr Wucherknaben

Es tut in der Läng’ nicht gut

 

Niemand tut sich mehr schämen.

Er sei jung oder alt
All Bosheit tut zunehmen
In mancherlei Gestalt

Man tut durcheinander laufen

Man wenig der Wahrheit acht

Hoffart, Geiz und Fürkaufen

Herscht in der Welt der Pracht.

 

Zutrinken und Gottverschwören

Hat genommen überhand.
Man kann bald niemand wehren.

Es ist fürwahr ein Schand.

Auf den anderen will man nichts geben

Man sag gleich was man woll
In aller Unzucht leben
Macht jetzt das Unglück voll.

 

Der Bund, der hat geraten

Jetzt eine sehr lange Zeit
Es will nicht gut geraten
Das Loch ist schon zu weit

Wer kann das jetzt zuflicken?

Das kann ich nicht verstehn

Sie müssen dran ersticken

Es wird noch übel gehen

 

Die Herrschaft tun sie schrecken

Dass sie kaum weiss wo ‘naus

Die Bauern tun sie aufwecken

Und setzen ihnen tüchtig zu

Es sind seltsame Kunden
Sie wagen ihre Haut
Sie haben ein Sinn erfunden

Wer hätt’ ihnen das zugettraut

 

Sie sind ins Feld gezogen
Ihr keiner wollt’ lassen ab
Ist wahr und nicht gelogen
So mancher Bauernknab
Sie haben zusammen geschworen

Dem Adel leid zu tun

Sie haben ihn arg geschoren
Was wird ihnen werden zu Lohn?

 

Die Bauern sind einig geworden

Und kriegen mit Gewalt
Sie haben einen grossen Orden

Sind aufständig mannigfalt

Und tun die Schlösser zerreissen
Und brennen Klöster aus
So kann man uns nicht mehr bescheissen

Was soll ein bös’ Raubhaus

Interpretation des Liedtextes

Käthe Kollwitz, Der Losbruch 1903

Das Lied ist in neun Strophen mit jeweils acht Versen geschrieben. Rhythmus und Zusammenhalt wird durch das Reimen abwechselnder Verse erreicht.

Betrachtet man den Text in Bezug auf das von Greimas (1966) entwickelte Konzept des Erzählmodells für Märchen – in dem ein ,Subjekt oder Held‘ nach einem ‚Objekt des Begehrens‘ gegen die Opposition eines ‚Widersachers‘ strebt, mit der Hilfe eines ‚Helfers‘ und der magische Intervention eines ‚Superhelfers‘, dann werden die Bauern in der ersten Strophe als ‚Subjekte oder Helden‘ des Textes vorgestellt. Die zweite Strophe fragt nach der Motivation des Handelns des Subjekts, und somit nach dem ‚Objekt des Begehrens’. Dieses wird jedoch im Text niemals direkt genannt, sondern impliziert. Das geschieht durch eine Beschreibung der Handlungen des ‚Widersachers‘, der unterdrückenden herrschenden Klassen, in den Strophen vier und fünf und der zerstörerischen Wirkung dieser Handlungen auf das ‚Subjekt‘. Das Objekt des Begehrens wird dabei als das Gegenteil zu dem Verlust und dem Mangel impliziert, die durch die Handlungen der herrschenden Klassen auslöst werden (Mangel an moralischen Werten, Sicherheit, Ehrlichkeit, Respekt und Glück).  Die Tatsache, dass das ‚Objekt des Begehrens‘ hauptsächlich als Gegensatz zu einem Mangel beschrieben wird, den das ‚Subjekt‘ erlebt, erweckt den Eindruck, dass die Bauern zu Recht etwas zurückfordern, das sie verloren haben. Dass dieses Objekt nur implizit bekannt gemacht, aber nie benannt wird, zeigt, wie weit es von der Reichweite des ‚Subjekts‘ entfernt ist. Der Bund der Bauern wird in der darauffolgenden Strophe vorgestellt, was schließen lässt, dass das Zusammenkommen der Bauern eine Folge des schlechten Verhaltens der Herrschenden ist. Der Bund wird dadurch als der ‚Helfer‘ identifiziert, der das ‚Subjekt‘ (die Bauern) in ihrem Kampf führt, sich dem ‚Widersacher‘ (herrschende Klassen) zu widersetzen und das ‚Objekt des Begehrens‘ (Glück, Respekt, Ehrlichkeit, moralische Werte, Sicherheit) zu beanspruchen. In Strophe 7 ist unklar, ob es sich bei der beschriebenen Aktion um die des Bundes oder der Bauern handelt, was zeigt, dass der Bund in Wirklichkeit nur die Bauern selbst ist, die sich organisieren, dabei als Gruppe arbeiten, eine neue Rolle übernehmen und zu Helfern ihrer selbst werden. Der zweite Teil der zweiten Strophe bezieht sich auf Gott, der als ‚Superhelfer‘ identifiziert werden kann und dessen Gnade und Unterstützung erwartet und gefordert wird. Die Erzählung des Textes endet mitten in der Suche des Subjekts. Da die Opposition gegen den ‚Widersacher‘ extrem ist, wird klar, dass das ‚Objekt des Begehrens‘ nur durch die Zerstörung des ‚Widersachers‘ erreicht werden kann. Nachdem die gleiche Struktur wie die eines Märchens verwendet wurde, wird das positive Ergebnis der Erzählung impliziert, in der das ‚Subjekt‘ das ‚Objekt des Begehrens‘ mit Hilfe von ‚Helfer‘ und ‚Superhelfer‘ gegen den ‚Widersacher‘ gewinnt, wobei die Erzählung des Liedtextes selbst unabgeschlossen bleibt.

Nach Toolan (1988) kann die Identität und Intentionalität des Erzählers durch die Fragen „Warum wird die Geschichte erzählt?” Und „Wer erzählt die Geschichte?” bestimmt werden.

Die Änderung der Verwendung von Personalpronomen sowie des Gesamttons des Textes durch beschreibende Substantive und Verben kann als Hinweis auf eine Verschiebung der narrativen Perspektive gelesen werden. Während die Erzählung in einem sachlichen Ton beginnt, wird das dadurch aufgebaute Vertrauen durch eine Frage untergraben. Eine weitere Frage in der nächsten Strophe scheint die Meinung der Öffentlichkeit widerzuspiegeln, gefolgt von Aussagen, die eine religiöse und stellenweise prophetische Konnotation haben und damit eines der Merkmale der damaligen Pamphlete aufzeigen. In Strophe drei spricht der Erzähler als singender Kommentator und wendet sich dabei direkt und persönlich an die Unterdrücker. In den Strophen vier und fünf, die die Haltung und Handlungen der Herrschenden beschreiben, ist der Ton konstant, was diese Beschreibung am überzeugendsten macht. Strophe 6, die sich auf den Bund der Bauern bezieht, enthält die meisten Unstimmigkeiten, gefolgt von einer Beschreibung der Aktion des Bundes gegen die Herrschenden in einem fokussierten Ton, jedoch unter Einbeziehung eines überraschten Kommentars in der siebten Strophe. Der Bericht über den folgenden Aufstand ist in der Vergangenheitsform und erscheint zuversichtlich, wird jedoch durch eine Frage untergraben, die Angst und Unsicherheit zum Ausdruck bringt. Strophe neun kehrt zu einem Ton des Vertrauens und der Entschlossenheit zurück und zeigt zunehmenden Ärger. In den letzten beiden Versen von Strophe neun ändert sich der Plural der dritten Person, der bis zu diesem Punkt verwendet wurde und einen Eindruck von Distanz und Objektivität vermittelt, plötzlich in den Plural der ersten Person. Dieser häufige Wechsel der narrativen Perspektive erweckt den Eindruck, dass es viele verschiedene Stimmen, Stimmungen und Meinungen gab, die in diesem Aufstand zusammenkamen, von Angst und Unsicherheit über Entschlossenheit, prophetischer Gewissheit, religiöser und moralischer Überzeugung bis hin zu Wut, Gewalt und Lust auf Rache und Zerstörung. Strophe sechs, in welcher der Bund erwähnt wird, enthält besonders häufige Ton- und Erzählverschiebungen, wodurch möglicherweise die Vielzahl von Gesichtspunkten gespiegelt wird, die diese Vereinigung von Menschen enthalten haben musste. Im Gegensatz dazu sind die Strophen vier und fünf, in denen die bösen Taten der Unterdrücker beschrieben werden, in Ton und Perspektive konstant. Hierdurch lässt sich erkennen, dass der Aufstand eine kollektive Anstrengung von Menschen mit unterschiedlichen Absichten, Motivationen und Hintergründen war, die sich darin einig waren, dass man sich den unterdrückenden herrschenden Klassen und ihrem Handeln und Verhalten zuwider setzen musste.

Während sich bei der Darstellung des Aufstandes eine große Zahl unterschiedlicher Perspektiven zusammenfinden, lassen sich die Intentionen des Textes wie folgt auflisten:

  1. Den Bauernaufstand aus der Sicht des einfachen Volkes zu dokumentieren
  2. Den Kausalzusammenhang zwischen dem Aufstand und den amoralischen Handlungen der herrschenden Klassen aufzuzeigen
  3. Das Ausmaß der empfundenen Ungerechtigkeit und Not als Folge dieser Handlungen zum Ausdruck zu bringen
  4. Die Revolution als im Einklang mit Gottes Willen und zum allgemeinen Wohl aller zu rechtfertigen
  5. Die unterdrückenden herrschenden Klassen zu bedrohen
  6. Die kämpfenden Bauern in ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit zu stärken

Der Text ist an drei unterschiedliche Empfänger gerichtet, was durch die Änderung der Personalpronomen angezeigt wird. Alle Passagen, in denen der Plural der dritten Person oder der allgemeine Singular der dritten Person verwendet wird, richten sich an die breite Öffentlichkeit. Der Satz, der den Plural der zweiten Person enthält, richtet sich an die unterdrückenden herrschenden Klassen, in diesem Fall an die Kaufleute und Geldverleiher, die beiden letzten Sätze, in denen zum ersten Mal die erste Person Plural verwendet wird, wendet sich an die Bauern.

Die drei charakteristischen Elemente des Pamphletes des 16. Jahrhunderts, die laut Beutin den Text zugänglich und überzeugend machen sollen, sind auch im Liedtext zu finden. Während Bibelzitate nicht direkt verwendet werden, enthalten die Texte Zeilen, die aus Gebeten zu stammen scheinen. „Es geschieht nach dem Willen Gottes.“ „Es wurde durch unsere Sünden verursacht.“ „Er kann und wird es freigeben.“ „Möge Gott uns Gnade geben und uns unterstützen.“ Fragen und eingefügte Kommentare werden verwendet, um die Perspektive der Öffentlichkeit widerzuspiegeln, und sollen die Verbindung mit dem Publikum erleichtern: „Was kann ihre Sorge um diese ehrlichen und einfachen Menschen sein?“ „Wer kann das jetzt reparieren?“ „Es ist jenseits meines Verständnisses.“ „Sie werden daran ersticken müssen.“ „Dies wird schlecht enden.“ „Sie haben sie hart behandelt.“ „Was wird ihre Belohnung sein?“

Es finden sich auch grobe und polemische Ausdrücke, die den Gegner beleidigen sollen. „Dann können sie uns nicht mehr wie Scheiße behandeln…“ „Was nützt ein böses Räuberhaus?“

Aufständische Bauern im Zeichen des Bundschuh

Schlussfolgerungen

Durch die Analyse des Textes wird deutlich, dass es sich bei dem Aufstand der Bauern, um eine Bewegung handelte, in der viele unterschiedliche Menschen mit vielen unterschiedlichen Beweggründen zusammenkamen, da sie sich einig waren, dass ein Missstand aufgehoben werden musste. Das Objekt des Begehrens der Bauern ist Sicherheit, Glück, Respekt, Ehrlichkeit und mit moralischen Werten zu leben und ist ein Verlangen nach dem, was ihnen ihrer Meinung nach zustand und der Wunsch eine Situation der Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu berichtigen. Der Zusammenhang zwischen dem von Aristoteles genannten Konzept der Ungleichheit und Legitimierung von Gewalt und einer politischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die vom römischen Recht beeinflusst die soziale, politische und wirtschaftliche Ungleichheit förderte und zu dem Aufstand der unterdrückten Bauern führte, wird hier deutlich. Die Forderung der Bauern nach persönlicher Freiheit und Brüderlichkeit kann als Forderung nach Gleichheit angesehen werden, die das verlorene Gefühl des sozialen Bezuges wiederhergestellt hätte. Diese Forderung wurde abgelehnt und das Konzept der Ungleichheit wurde von jenen gewaltsam verteidigt, die glaubten, dass sie zum Regieren geboren waren. Luther selbst sah die soziale und politische Ungleichheit als von Gott gegeben an und sanktionierte nicht nur eine gewaltvolle Gegenreaktion der Obrigkeiten, sondern rief sogar dazu auf.

Darum darf man hier nicht zaghaft vorgehen. Es geht auch nicht um Geduld oder Barmherzigkeit. Es ist des Schwertes und des Zornes und nicht der Gnaden Zeit. So soll nun die Obrigkeit hier getrost vordringen und mit gutem Gewissen drein schlagen so viel sie kann. Denn hier ist der Grund: die Bauern haben ein schlechtes Gewissen und tuen unrecht und jeder Bauer, der dafür nicht erschlagen wird, ist mit Leib und Seele verloren und für ewig des Teufels. Aber die Obrigkeit hat ein gutes Gewissen und tut recht und kann zu Gott sagen mit aller Sicherheit des Herzens: Siehe mein Gott, du hast mich zum Fürsten oder Herren gemacht, daran kann ich nicht zweifeln. Du hast mir das Schwert befohlen gegen die Übeltäter. Es ist dein Wort und ich muss dieses Amt ausführen, wenn ich deine Gnade nicht verlieren will, so ist es auch klar, dass diese Bauern vielfach für dich und die Welt den Tod verdient haben und dass es mir befohlen ist, sie zu strafen“.

Martin Luther, Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren, 1525

Da Luther die Inspiration für den Aufstand der Bauern gewesen war, musste sich seine vehemente Verurteilung für sie wie ein Verrat angefühlt haben. Die Erfahrung, dass der Status quo, auch wenn er ungerecht war, nicht in Frage gestellt werden durfte und dass Forderungen nach Gerechtigkeit und Gleichheit mit äußerster Gewalt begegnet wurden, hatte weitreichende Folgen. Der Geschichtswissenschaftler Peter Pulzer weist darauf hin, dass alle darauf folgenden Revolutionen der deutschen Geschichte scheiterten. Er erwähnt in diesem Zusammenhang die Revolution von 1848 und im Besonderen die Revolution von 1919, die durch rücksichtslose militärische Interventionen niedergeschlagen wurde, bei denen ihre Führer ermordet und alle Teilnehmer massakriert wurden, noch bevor ein sozialer oder politischer Wandel erreicht worden war (Pulzer, 1997). Die Erfahrung, dass eine Revolution nur konservativ sein könne und dass die etablierte Autorität unter keinen Umständen in Frage gestellt werden dürfe, sollte später von der deutschen Jugend des frühen zwanzigsten Jahrhunderts aufgegriffen werden. Der Geschichtswissenschaftler Georg Mosse, der sich mit den Anfängen des Nationalsozialismus in Deutschland auseinandergesetzt hat, betont, dass die deutsche Jugend der 1920er und 30er Jahre, im Gegensatz zu Jugendlichen anderer europäischer Länder dieser Zeit, ihre revolutionären Triebe eher nach rechts als nach links richteten und die deutsche Revolution als eine innere,  antijüdische Revolution verstanden (Mosse, 1964).

Es gibt auch einen weiteren viel direkteren Bezug zwischen Martin Luther und dem späteren deutschen Nationalsozialismus: Luthers antisemitische Reden und Schriften, in denen er die Juden verteufelte, ihnen Gräueltaten zuschrieb und zu ihrer Verfolgung und Tötung aufrief.

Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist‘s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unser Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen. Das ist nichts anderes. Da ist kein menschliches Herz gegen uns Heiden. Solches lernen sie von ihren Rabbinern in den Teufelsnestern ihrer Schulen

Martin Luther, Von den Juden und ihren Lügen, 1543

Die deutschen Nationalsozialisten fühlten sich in ihrem Antisemitismus von Martin Luther inspiriert und bestätigt, und so war es auch kein Zufall, dass die Reichspogromnacht am 9. November 1938, in der jüdische Geschäfte und  Synagogen in Brand gesetzt und tausende Jüdinnen und Juden misshandelt, oder getötet wurden, auf die Nacht vor Luthers Geburtstag fiel.

 

Bibliographie

Beutin, W. (2008). Humanismus und Reformation. In J. Metzler (Ed.), Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. (pp. 57-95). Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.

Greimas, A. J. (1983). Structural Semiotics: An attempt at a method (Translated by D. Mc Dowell et al. ed.). Lincoln: University of Nebraska Press.

Mosse, G. (1964). The Crisis of German Ideology. New York: Schoken Books.

Pulzer, P. (1997). Germany 1870-1945. Oxford: Oxford UP.

Reinhardt, K. F. (1950). Germany: 2000 Years. California: The Bruce Publishing Company.

Toolan, M. J. (1988). Narrative: A critical Linguistic Introduction. London : Routledge.

 

Abbildungen:

Gemälde zum Großen Deutschen Bauernkrieg von Max Lingner 1951-1955 (unvollendet)

https://www.widdershausen.de/bauernkrieg.html (19.7.23)

Käthe Kollwitz aus dem Zyklus Bauernkrieg – Der Losbruch 1903

https://www.kollwitz.de/zyklus-bauernkrieg-uebersicht

Aufständische Bauern im Zeichen des Bundschuh

https://www.habsburger.net/de/objekte/der-bundschuh