Blog 12: Das Konzept der Ungleichheit als Legitimierung von Gewalt in der frühen europäischen Geschichte

  1. Das frühe europäische Mittelalter

Otto der zweite auf dem Thron

Das Konzept der Ungleichheit und die politische Praxis des Imperialismus, die von den Römern während ihrer 400 Jahre langen Herrschaft angewandt wurde, hinterließ auch nach dem Untergang des römischen Reiches einen bleibenden Einfluss. Die Geschichtswissenschaftlerin Julia Smith, die sich mit der Geschichte des frühen europäischen Mittelalters auseinandersetzt, gibt einen detaillierten Bericht über die Auswirkungen der römischen Reichskultur auf die Bevölkerung Europas nach 500 AD. Sie beschreibt eine frühmittelalterliche europäische Zivilisation, die sich im 5. Jahrhundert von den weströmischen kaiserlichen Provinzen zu unabhängigen, getrennten Königreichen entwickelt hatte, in denen regionale Vielfalt und Lokalität mit vielen Aspekten des römischen kulturellen, religiösen und politischen Erbes gepaart waren. Das Konzept der Ungleichheit, das zur Entwicklung und Legitimierung des Imperialismus geführt hatte, beeinflusste das Leben der Menschen zu dieser Zeit auf vielen Ebenen, was auch das Geschlechterverhältnis miteinbezog. Smith verweist dabei auf die Übernahme des römischen Rechts, das erwachsene Männer gegenüber Minderjährigen und Frauen bevorzugte, indem es diesen bei Auseinandersetzungen umfassendere Rechte einräumte und eine patriarchalisch hierarchische Struktur förderte. Dabei bezog man sich auf eine imaginäre und mythische Vergangenheit, um privilegierte lokale, politische und wirtschaftliche Positionen und Autoritätsbeschränkungen zu legitimieren, die die Machtübertragung unter der herrschenden Elite der Männer sicherstellten. Laut Smith war das Christentum maßgeblich an der Weitergabe der römischen Kultur beteiligt, die dann von den Kirchen bewahrt wurde. Das Konzept des Imperialismus wurde durch die lateinische Bibel und ihre Verweise auf viele alte Reiche durchgesetzt, von denen Rom als das jüngste dargestellt wurde. Der Begriff ,Reich’ wurde im frühmittelalterlichen Europa häufig verwendet, um verschiedene Formen militärischer, politischer und kultureller Herrschaft zu beschreiben, und imperiale Praktiken wurden eingesetzt, um Macht zu demonstrieren und ihre Legitimität zu stärken.

Smith beschreibt eine grundlegende Veränderung, die im 11. Jahrhundert begann und sich bis ins 13. Jahrhundert fortsetzte und die durch die Errichtung einer päpstlichen Monarchie ausgelöst wurde, die begann, eine zentralisierte Justiz- und Verwaltungsbehörde über das lateinische Christentum auszuüben. Laut Smith wurden durch diese Zentralisierung alle Formen der bis dahin noch bestehenden lokalen Vielfalt zerstört. Smith beschreibt, wie die frühere kulturelle Hegemonie der römischen Lebensweise jetzt durch das Christentum ersetzt wurde, das bis dahin viele der römisch- kulturellen Elemente integriert hatte. Die Kirche benötigte Land, Kapital, Schätze und ideologische Unterstützung, um ihre beherrschende Stellung zu behaupten. Laut Smith beeinflusste die Hegemonie der Kirche im mittelalterlichen Europa die soziale Struktur der europäischen Gesellschaften auf vielen Ebenen und förderte die Ungleichheit in Bezug auf Geschlechterverhältnisse, den sozialen Status sowie die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse (Smith, 2005).

Auf politischer Ebene ist es wichtig zu erwähnen, dass nach dem Untergang des römischen Reiches, Karl der Große, von 768 bis 814 durch die Eroberung umliegender Volksstämme das Fränkische Reich zu einer europäischen Großmacht erweiterte. Er selbst unterstützte und förderte das Christentum und wurde im Jahre 800 von Papst Leo III zum Kaiser gekrönt und konnte damit sein Reich in die Nachfolge des antiken römischen Imperiums stellen. Das Reich wurde nach Karls Tod und der Machtübernahme durch seinen Sohn Ludwig unter dessen Söhnen aufgeteilte, was zur Entstehung des West- und Ostfrankenreiches führte (später Frankreich und Deutschland). Otto I., ein Nachfahre Ludwigs, der 962 als Kaiser des Ostfränkischen Reiches gekrönt wurde, nahm die Idee des erneuerten Römerreiches wieder auf und der Name Heiliges Römisches Reich kann seit dem Jahr 1184 urkundlich belegt werden.

Der Historiker Brendan Simms beschreibt das Heilige Römische Reich des 13. Jahrhunderts, das sich von Brabant und Holland im Westen bis nach Schlesien im Osten, von Holstein im Norden bis knapp unterhalb von Siena im Süden und Triest im Südosten erstreckte und im Zentrum europäischer Machtauseinandersetzungen stand. Das Reich wurde von einem Kaiser geleitet, der von elf Wählern gewählt wurde. Er regierte in Absprache mit den Laien und kirchlichen ,Ständen’ des Reiches, sowie den am Reichstag versammelten Wählern, Fürsten, Rittern und Städten (Simms, 2014)

In den folgenden Blogs werden wir uns ausführlich mit den darauffolgenden  sozialen Krisen der deutschen Geschichte auseinandersetzen.

 

Bibliographie

Simms, B. (1998). The struggle for Mastery in Germany 1779-1850. London: Macmillian Press.

Smith, J. (2005). Europe after Rome. Oxford: Oxford UP.

 

Abbildungen

https://de.wikipedia.org/wiki/Frühmittelalter

https://www.leben-im-mittelalter.net/geschichte-des-mittelalters/fruehmittelalter/christianisierung.html