Blog 16: Die industrielle Revolution

Sozialpolitischer Hintergrund

Nach der Niederlage Napoleons im Jahr 1815 wurde der Deutsche Bund gegründet, eine lose Verbindung von 39 Staaten, von denen das Königreich Preußen und das österreichische Reich die größten waren. Pulzer beschreibt, wie die Entstehung einer organisierten liberalen Bewegung, die eine Verfassungsreform und einen größeren nationalen Zusammenhalt forderte, zu Revolutionen im Jahr 1848 führte, die auch durch die revolutionären Ausbrüche in Paris sowie durch weit verbreitete wirtschaftliche Not angeheizt wurden. Nach einer Zeit, die durch Barrikaden und Straßenkämpfe geprägt war, gewann die gemäßigte liberale Bewegung, angeführt von der gebildeten Mittelschicht, die Oberhand und suchte Reformen auf der Grundlage einer radikalen Demokratisierung, was zur Gründung der Nationalversammlung führte. Dies war das erste deutsche Parlament und die Mitglieder der Versammlung versuchten, eine Verfassung für ein demokratisches und geeintes Deutschland auszuarbeiten und eine provisorische Regierung zu ernennen. Da sich jedoch seine Mitglieder weder auf das Wesen einer deutschen Einheit noch auf ein allgemeines Verständnis demokratischer Prozesse einigen konnten, wurde die Nationalversammlung im April 1849 aufgelöst, der Bund von 1815 wurde wiederhergestellt und die Gelegenheit, ein geeintes Deutschland auf demokratischer Basis zu gründen war damit verpasst.

Frankfurter Nationalversammlung, Holzschnitt

Laut Pulzer blieb jedoch die nationale Einheit Deutschlands, die seit 1848 angestrebt wurde, auf der öffentlichen Tagesordnung. Nach einer langen Zeit politischer und diplomatischer Manöver, zu denen ein Einmarsch in Österreich sowie ein kurzer und siegreicher Krieg mit Frankreich gehörten, gelang es dem preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck 1870, die deutschen Fürstentümer unter Wilhelm I. von Preußen zu vereinen, allerdings mit Ausnahme von Österreich. Bismarck hatte damit demonstriert, dass nicht demokratisch parlamentarische Entscheidungsfindungen, sondern Gewalt und Krieg eine entscheidende politische Veränderung bewirken können.

„Nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, das ist der große Fehler von 1848 und 1849  gewesen, sondern durch Eisen und Blut“

 Otto von Bismarck 1862

Das vereinte preußische Reich, das die Hoffnung von zwei Generationen nationalistischer Publizisten gewesen war, ließ viele unzufrieden, da seine Struktur, die aus Elementen von Demokratie, begrenzter Monarchie und Autokratie bestand, politisch unklar und halbherzig war. Auch gab es einem Mangel von Symbolen, die eine einheitliche Kollektivität widergespiegelt hätten. Bismarck förderte die Zersplitterung des Parlamentes, was die autokratische Macht des Kaisers stärkte und zu politischer Frustration der Mittelschicht führte, während sich das deutsche Kaiserreich zu einem Industrieriesen entwickelte, dessen Produktionskapazität zwischen 1870 und 1913 um 800% zunahm (Pulzer, 1997). Mosse weist darauf hin, dass diese extrem schnelle Industrialisierung eine soziale Entfremdung verursachte, die eine Reihe sozialer Gruppen wie Bauern und Handwerker sowie andere Angehörige der unteren Mittelschicht direkt betraf, und diese in ihrem sozialen Status und Lebensunterhalt bedrohte. 

Einzelbild aus dem Film Das Vermächtnis

Er unterstreicht, wie verwirrend der rasche Prozess der Industrialisierung für viele war, der die plötzliche Verlagerung der Bevölkerung vom Land in die Städte verursachte sowie soziale Umwälzungen mit sich brachte wie z.B. den Verlust von Bräuchen, Traditionen und Handwerksberufen. Mosse betont, dass die Anforderungen einer zunehmend industrialisierten Gesellschaft mit ihren neuen Möglichkeiten und Einschränkungen das Gefühl der Isolation des Einzelnen förderten und dass diese Isolation und das Erlebnis der Entfremdung der Menschen von sich selbst und ihrer sozialen Umgebung so gravierend war, dass sich viele zeitgenössische Intellektuelle damit auseinandersetzten, wie zum Beispiel der französische Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville und der deutsche Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Karl Marx. (Mosse, 1964).

Kultursoziologischer Hintergrund

Das zunehmende Gefühl der Entfremdung und der sozialen Entwurzelung hatte seit dem späten 18. Jahrhundert begonnen kulturelle Produktionen zu beeinflussen. Während die Literatur bis zu diesem Zeitpunkt die Ideen der Aufklärung verbreitete, löste die Französische Revolution in Deutschland eine Neudefinition der literarischen Theorie und Praxis aus. Die Literaturwissenschaftlerin Inge Stephan beschreibt, wie die unterschiedlichen Reaktionen auf die Französische Revolution zur Entwicklung von Klassizismus, Romantik und Jakobinismus führten.

Dabei waren nur die jakobinischen Autoren von der Französischen Revolution begeistert und erstrebten eine ähnliche revolutionäre Umgestaltung in Deutschland. Diese Autoren setzten sich mit sozialen und politischen Missständen auseinander, vertraten die Rechte derer, die unterdrückt waren, propagierten in diesem Zusammenhang die Gleichberechtigung der Frau und traten gegen die Sklaverei auf.

Friedrich von Schiller Portrait

Die klassische Literaturauffassung dagegen, die von Goethe und Schiller geprägt wurde, lehnte die Französische Revolution ab, befürwortete jedoch auch eine gewisse gesellschaftliche Veränderung. Während sich die jakobinischen Autoren mit den realen Nöten ihrer Zeit auseinandersetzten, war es das Ziel der klassizistischen Literaten, eine Idealisierung and Veredlung der menschlichen Natur zu erreichen und dadurch indirekt eine Veränderung der politischen Verhältnisse zu fördern. Das Ideal der Aufklärung, das der Kunst eine soziale Funktion und eine Berufung zur Verbesserung der Gesellschaft zuschrieb, wurde ein wichtiger Bestandteil des deutschen Klassizismus. Schiller hatte 1795 diese soziale Funktion der Kultur durch die Rolle des Künstlers definiert, der die Menschheit retten sollte, indem er das Gleichgewicht und die Schönheit in einer von Entfremdung zerrütteten Gesellschaft wiederherstellte.

Auch die Schriftsteller der Romantik lehnten den gewaltsamen politischen Umbruch, der sich in Frankreich vollzogen hatte, ab, waren aber, wie die Klassizisten, der deutschen Gesellschaft gegenüber kritisch eingestellt und hofften wie diese, politische und soziale Verbesserungen von innen heraus zu initiieren. Die Romantik war zunächst eine Reaktion auf den rationalen Fokus der Aufklärung und betonte Emotion, Intuition und unbewusstes Erleben. Im Gegensatz zum Klassizismus, wurde in der Romantik die Kunst als autonom verstanden und ihr Ziel wurde darin gesehen eine Verschmelzung von Kunst und Leben, Gegenwart und Vergangenheit, Zeit und Ewigkeit zu schaffen, in der das Leben eher poetisch als politisch aufgefasst wurde. Durch diese Verbindungen sollten die Erfahrungen der Entfremdung überwunden und ein Gefühl der Harmonie wiedererlangt werden. Stephan beschreibt, wie sich der anfängliche Optimismus der frühen Romantik zu einer düstereren Perspektive entwickelte, als die humanistischen Ideale, die die Französische Revolution inspiriert hatten, enttäuscht wurden und die zunehmende Industrialisierung das Erlebnis der Entfremdung verstärkte (Stephan, 2008).

Wanderer über dem Nebelmeer C.D. Friedrich 1818

Wie Stephan so beschreibt auch der Historiker Peter Jelavich eine allgemeine Ernüchterung humanistischer Werte. Während es zur Verbreitung und Anwendung deutscher klassizistischer Ideale in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam, gefördert durch die Kommerzialisierung der Kultur, erfolgte dies jedoch häufig ohne die ethischen Werte, die diese inspiriert hatten. Jelavich führt diesen Verlust auf das Scheitern der Revolution von 1848/49 zurück. Er beschreibt, wie die klassische Bildung vom preußischen Staat im Schulsystem so umgesetzt wurde, dass die anfänglichen sozialen und politischen Anliegen verloren gingen. Gleichzeitig wurde durch die Kommerzialisierung der Kultur das Schreiben populärer Literatur gefördert, die den Unterhaltungsbedürfnissen des allgemeinen Publikums entsprach. Der Verlust der Ideale der Aufklärung und ihrer ethischen Werte spiegelte eine Trennung von der sozialen Realität wider. Diese Abspaltung machte sich in verschiedenen Bereichen der deutschen Kultur bemerkbar, insbesondere in den ästhetischen Bewegungen. Jelavich beschreibt, wie diese aus einer Form des sinnlichen Klassizismus hervorgegangen waren, dessen Hauptziel die Emanzipation und Befreiung der Menschheit war und die von Heine, Wagner und Nietzsche als Waffe gegen die bürgerliche Moral und Ethik gefördert worden war. Die ästhetischen Bewegungen hatten zunächst eine soziale und demokratische Vision sowie reformistische Ziele, wurden jedoch zunehmend elitär und zeigten, da die abgelehnte christliche und bürgerliche Moral nicht durch eine humanistische Ethik ersetzt wurde, einen völligen Verlust moralischer Bedenken. Der Fokus auf körperliche Schönheit kombiniert mit sozialem Darwinismus führte zur Entwicklung der Eugenik, der Lehre der biologischen Optimierung menschlichen Erbgutes. Als extreme Form der Ästhetik und der vitalistischen Bewegungen kann die Eugenik als Ergebnis der Trennung von Ästhetik und Ethik und als Perversion des sinnlichen Klassizismus angesehen werden (Jelavich, 1979). Die Eugenik bildete später die Basis für das Rassenhygienegesetz der Nationalsozialisten.

Geschichte der Eugenik-Verbrechen

Der Verlust einer idealistischen Sichtweise wird auch in den Liedertexten der Spätromantik sichtbar. Die Musikwissenschaftlerin Barbara Turchin beschreibt eine Veränderung in der Tradition der Liederzyklen, bei der dies deutlich wird. Laut Turchin wurde die Tradition der Wanderlieder-Zyklen 1818 durch die Kompositionen von Conradin Kreutzer initiiert und hatte anschließend die Liederzyklen von Beethoven, Schubert und Schumann geprägt. Ursprünglich während musikalischer Soireen im frühen 19. Jahrhundert in privaten Häusern der Mittelklasse aufgeführt, wurden spätere Liederzyklen Teil des Konzertprogramms und standen daher einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Thema des Liederzyklus, die Suche des einsamen Wanderers, stand im Mittelpunkt der deutschen Romantik und wurde als Metapher für die Suche der Menschheit nach Wiederherstellung ihrer verlorenen Einheit verwendet.  Das Ziel dieses pädagogischen und psychologischen Prozesses bestand darin, einen höheren Zustand der Einheit zu erreichen, der durch Szenen der Anerkennung, Versöhnung oder durch die Vereinigung mit einem geliebten Menschen symbolisiert wird. Veränderungen in Jahreszeit und Landschaft symbolisieren die veränderten emotionalen Zustände des Protagonisten: Der Baum steht für Trost und geistige Erneuerung und die Beziehung zum geliebten Menschen kann als Metapher für die Verbindung zur Gesellschaft gelesen werden. Turchin bezieht sich auf die deutschen romantischen Dichter Hölderlin und Eichendorf und ihre Verwendung des romantischen Wanderthemas. Laut Turchin zeigen die ursprünglichen Wanderlieder-Zyklen von Kreutzer die Suche des Wanderers, der von Hochstimmung über Verzweiflung und Entfremdung zu einem hoffnungsvollen Gefühl der Erneuerung zurückkehrt. In ihrem romantischen Ansatz, der die Schaffung einer alternativen Realität von metaphorischer Bedeutung beinhaltete, drückten die Liederzyklen die Erfahrung der Entfremdung aus und stellten durch ihre Verarbeitung die verlorene Verbindung wieder her. Diese positive Schlussfolgerung fehlt jedoch in spätromantischen Liederzyklen (Turchin, 1987).

Schuberts Winterreise

Der Literaturkritiker Thomas Pfau interpretiert die Texte der Spätromantik als einen Versuch, die Erfahrung des historischen Wandels aus der Perspektive der aufstrebenden Mittelschicht im 18. Und 19. Jahrhundert zu vermitteln. Pfau beschreibt, wie die Französische Revolution, die durch das Versäumnis der mitteleuropäischen Aristokratie verursacht worden war, ihre historische Mission zu erfüllen, zu einer plötzlichen Veränderung der sozialen Ordnung führte, aus der die Bourgeoisie als neue Klasse ohne soziale oder kulturelle Referenzpunkte hervorging. Dieser Mangel an sozialer Identität führte laut Pfau zu einem Gefühl der Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit, die das Interesse an der Geschichte weckte. Kulturproduktionen reagierten auf die Bedürfnisse ihres bürgerlichen Publikums, indem sie eine imaginäre und idealisierte Vergangenheit darstellten, die ihre antimodernen Einstellungen zum Ausdruck brachten, dem Bedürfnis nach einem gemeinsamen Erinnern nachkamen und ein Gefühl von kultureller Identität schufen (Pfau, 2003).

Der Literaturwissenschaftler Jochen Schulte-Sasse beschreibt, wie die populäre Literatur, die aufgrund einer verbesserten Ausbildung und der Weiterentwicklung der Drucktechnologie entstanden war, auf denselben Bedarf reagierte. Die Industrialisierung hatte den Zusammenbruch der traditionellen sozialen Schichtung und eine materialistische Perspektive verursacht, die zum Niedergang der geistlichen Autorität und zum Verlust moralischer Standards geführt hatte. Die gebildeten Mittelschichten reagierten, indem sie durch Literaturproduktionen neue moralische Standards schufen und verbreiteten. Laut Schulte-Sasse war die Ideologie, die zu dieser Zeit von der Populärliteratur gefördert wurde, eine Form von regressiver Utopie: antimodernistisch und antikapitalistisch und die Zunahme von Gier, Egoismus und moralischem Verfall, die als Teil des modernen Lebens angesehen wurde, kritisierend. Die Darstellung der Landschaft war ideologisch und psychologisch wichtig, da sie die Rückkehr zu einem durch die Industrialisierung verloren gegangenen landwirtschaftlichen Umfeld und Lebensstil darstellte. Diese Rückkehr zum Land und in die Landschaft ermöglichte eine Wiederverbindung mit Altbekannten und stellte so dem Gefühl der Entfremdung und Entwurzelung, das durch das Leben in den industrialisierten Städten entstanden war, ein Gefühl von emotionaler and sozialer Sicherheit entgegen (Schulte-Sasse, 1983).

Mahlers Liederzyklus, der hier als kulturelles Beispiel analysiert wird, teilt einige dieser Eigenschaften. Wie bei anderen spätromantischen Produktionen reagierten Mahlers Lieder, obwohl sie von persönlichen Erfahrungen inspiriert waren, auf das Bedürfnis des bürgerlichen Publikums nach einer alternativen Realität, da sie den Hörer in die Vergangenheit und in die beruhigende Sicherheit einer natürlichen Umgebung abseits des modernen industrialisierten Lebens versetzen.

Otto Novak

Kulturbeispiel ‚Die zwei blauen Augen von meinem Schatz‘ aus dem Liederzyklus‚ Lieder eines fahrenden Gesellen‘ von Gustav Mahler 1883-1885.

Die zwei blauen Augen von meinem Schatz,

Die haben mich in die weite Welt geschickt.

Da mußt ich Abschied nehmen vom allerliebsten Platz!

O Augen blau, warum habt ihr mich angeblickt?

Nun hab’ ich ewig Leid und Grämen!

Ich bin ausgegangen in stiller Nacht

wohl über die dunkle Heide.

Hat mir niemand Ade gesagt

Ade!

Mein Gesell’ war Lieb und Leide!

Auf der Straße stand ein Lindenbaum,

Da hab’ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht!

Unter dem Lindenbaum,

Der hat seine Blüten über mich geschneit,

Da wußt’ ich nicht, wie das Leben tut,

War alles, alles wieder gut!

Alles! Alles, Lieb und Leid

 

Und Welt und Traum!

Analyse der Lyrik des Liedes Die zwei blauen Augen von meinem Schatz von Gustav Mahler

Das Lied Die zwei blauen Augen vervollständigt den Liederzyklus Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler. Sowohl der Text als auch die musikalische Umsetzung wurden in der Zeit von 1883 bis 1885 von Mahler geschaffen und das Lied kann als Kunstlied der Spätromantik eingestuft werden.

Die zwei blauen Augen ist das letzte von vier Liedern in diesem Zyklus und die Lieder Wenn mein Schatz heiratet, Ging heut morgen übers Feld und Ich hab‘ ein glühend Messer gehen ihm voraus. Das erste Lied umschreibt den Verlust einer Beziehung aufgrund der Heirat eines geliebten Menschen mit einem anderen, eine Erfahrung, die den Protagonisten auf der Suche nach Trost in die Welt schickt. Das zweite Lied gibt den Schmerz der Trennung Ausdruck, der durch die Konfrontation mit den lebensbejahenden Aspekten der Natur, die dem Wanderer verschlossen bleiben, verstärkt wird. Bei dem dritten Lied geht es um den Schmerz der Einsamkeit, der mit einem Messer in der Brust verglichen und als selbstzerstörerisch und lebensbedrohlich beschrieben wird. Das abschließende Lied des Liederzyklus Die zwei blauen Augen spiegelt die Thematik der vorhergehenden Lieder in den ersten Strophen wider, kommt jedoch in der letzten Strophe zu einem eigenständigen Abschluss.

Wenn wir das Erzählmodell von Greimas (1966) auf den Text des Liedes anwenden, können wir den einsamen Wanderer eindeutig als das Subjekt des Textes identifizieren. Der Gegenstand seines Begehrens ist der Zustand der Vereinigung und Verbundenheit, den er durch die Trennung von seiner Geliebten verloren hat. Es ist schwierig, in diesem Text einen ‚Übeltäter‘ zu definieren. Es könnte Trauer sein, die dreimal erwähnt und auch als imaginäre Person beschrieben wird, aber es könnte auch die weite Welt, die ruhige Nacht oder die dunkle Heide sein, da alle der Suche des Helden nach dem Objekt seines Begehrens im Wege zu stehen scheinen. Es ist noch schwieriger, einen ‚Helfer‘ zu identifizieren. Möglicherweise ist es die Liebe, die als weitere Person, genannt wird, während der ‚Superhelfer‘ eindeutig der Baum ist, weil er wie in einem Märchen mit magischer Kraft ausgestattet zu sein scheint.

Für die Untersuchung der drei Aspekte der narrativen Zeit – Reihenfolge, Dauer und Häufigkeit müssen laut Genette die Fragen ‚Wann? Wie lange? Und wie oft?‘ gestellt werden. Auf den Text des Liedes angewendet, wird für die erste Aktion, bei der die Geliebte den Helden entlässt, keine Zeitangabe gemacht. Es wird nur die Reihenfolge der Ereignisse angegeben, die dadurch verknüpft werden und die auf einen Kausalzusammenhang hinweisen. Die erste Ereigniskette: – die Abweisung, – die Lossagung, – das Ausgehen in die Nacht, – das Vermissen einer Verabschiedung, bringt zum Ausdruck, wie sich der Eindruck der Verlassenheit und Einsamkeit verstärkt, der durch die Abweisung ausgelöst wurde. Die zweite Ereigniskette: – das Ausruhen unter dem Lindenbaum, – das Finden der Ruhe, beinhaltet einen Wechsel von einem schmerzhaften zu einem schmerzfreien Zustand ausgelöst durch das Ruhen unter dem Baum. Eine Zeitbeschreibung findet sich in Vers fünf durch das Adverb ‚ewig‘ in Bezug auf Leid und Grämen und eine spätere Beschreibung der Häufigkeit findet sich in Vers zwölf, aus dem hervorgeht, dass der Wanderer ‚zum ersten Mal‘ Schlaf gefunden hat. Beide Indikationen sind extrem und gegensätzlich, was zum Gefühl des Dramas beiträgt, das die Erzählung erzeugt. Das allgemeine Fehlen einer Zeitangabe vermittelt dabei das Gefühl, dass die Ereignisse nicht mit einer konkreten Situation verbunden sind, was darauf hinweist, dass sie als Metapher gelesen werden können. Ein allgemeiner Mangel an spezifischer Beschreibung trägt weiter zu diesem Eindruck bei. Wir wissen nicht nur nicht, wann dieses Ereignis passiert ist, wir wissen auch nicht, wo es passiert ist, wem es passiert ist und warum.

Wenn wir die Beziehung zwischen struktureller Dauer und zeitlicher Dauer betrachten, stellen wir fest, dass ein gewisses Maß an struktureller Dauer zwei Ereignissen gewidmet ist: dem der Abreise in der Nacht und dem des Trost Findens im Schlaf unter dem Baum. Beide Momente werden ausführlich beschrieben, während der Akt des Wanderns nicht im Text des Liedes erwähnt, sondern nur impliziert wird. Beide Ereignisse werden dadurch als kontrastierend hervorgehoben: der Aufbruch auf die einsame Wanderung und das Wiedererlangen des Friedens in der Natur.

Über den Charakter der ‚narrativen Person’ werden nur sehr wenige Informationen durch Adjektive gegeben, die laut Todorov (1981) eine Beschreibung dieser liefern können. Nur die Augen, die für die Geliebte stehen, werden durch das Adjektiv ‚blau‘ gekennzeichnet, was als Hinweis auf Schönheit und Reinheit gelesen werden kann, und eine Beschreibung der ‚imaginären Person‘ der Trauer wird durch das Adjektiv ‚ewig‘ gegeben. Der Protagonist wird nicht durch Adjektive beschrieben, aber sein Charakter kann, laut Toolan, aus seinen Handlungen abgeleitet werden, wobei auffällt, dass es sich dabei um Reaktionen auf eine Aktion eines anderen ist. Der Protagonist wird dadurch als Opfer charakterisiert, da er nicht selbstbestimmt handelt. Hier wird eine Umkehrung der Geschlechterrollen deutlich: die weibliche Protagonistin agiert aktiv und selbstbestimmt, während der männliche Protagonist passiv / reaktiv und fremdbestimmt agiert. Die aktive Position der weiblichen Person wird auch darin bestärkt, dass sie die Initiatorin der ersten Ereigniskette ist. Durch ihre blauen Augen dargestellt, ist sie auch das Subjekt in Vers eins und vier.

Die Winterreise, Caspar David Friedrich ca. 1827

Musikalische Analyse des Liedes Die zwei blauen Augen von meinem Schatz von Gustav Mahler

Eine Analyse der Musikpartitur in ihrer Orchesterversion in Bezug auf den erzählerischen Inhalt des Textes liefert weitere Informationen zur Interpretation des Liedes. Auf eine audiovisuelle Version des Liedes kann über den folgenden Link zugegriffen werden:

http://www.youtube.com/watch?v=VTyJ_kUyHGc

Die Musik ist für eine Alt- oder Tenorstimme mit Orchesterbegleitung komponiert, die aus Flöten, einer Oboe, einem Waldhorn, Klarinetten, einer Bassklarinette, einer Harfe, Violinen, einer Viola, einem Cello, einem Bass, Hörnern und einer Trommel besteht. Änderungen in Orchestrierung und Tonart lassen auf eine Strukturierung in drei Teile schließen:

1) Der Schmerz der Trennung und die Notwendigkeit des Aufbruchs.

2) Aufbruch und Reise.

3) Das Trostfinden unter dem Baum

Während die Teile 1 und 2 in der Orchestrierung ähnlich sind, sich jedoch in der Tonart unterscheiden, Teil 1 in e-Moll und Teil 2 in C-Dur, ist die Veränderung in Teil 3 in F-Dur auch mit einer Änderung des Rhythmus und einer unterschiedlichen Orchestrierung verbunden, was die Wendung der Ereignisse deutlicher widerspiegelt. Was als schmerzhaft beginnt, scheint sich aufzulösen, wenn gegen Ende Frieden gefunden wird. Ein Wechsel zurück zu einer Moll-Tonart nach Fertigstellung der Melodie stellt diese Auflösung und ihr positives Ergebnis jedoch in Frage, zumal dieses letzte Musiksegment das rhythmische Thema enthält, mit dem das Lied beginnt und das in Variationen im gesamten Stück auftaucht, gespielt von einer Vielzahl von Instrumenten. Dieses langsame und feierliche Thema erweckt den Eindruck eines Todesmarsches, nicht zuletzt, weil es dem rhythmischen Thema von Chopins Trauermarsch sehr ähnlich ist, der 1839, fünfzig Jahre vor Mahlers Komposition, erschienen war,. Während das Lied den Schmerz der Trennung und das Streben nach Trost beschreibt, scheint der Tod von Anfang an allgegenwärtig und das unausweichliche Ziel der Suche zu sein.

Das Lied beginnt in e-Moll mit einem melodischen Segment in der Singstimme, das das rhythmische Thema enthält, sowie einer leichten Auf-Ab-Auf-Bewegung, die zunehmend ansteigt, wodurch eine sich aufbauende Dramatik suggeriert wird und die Wörter hervorgehoben werden, die am Ende eines jeden Aufstiegs stehen. Der Superlativ ‚Allerliebst‘ am Ende des letzten Anstiegs tritt dabei besonders in den Vordergrund. Die Singstimme wird zunächst von der ersten Flöte begleitet, später jedoch von der ersten Geige, was ihre emotionale Wirkung verstärkt. Die Begleitung mit der Harfe, die darauffolgt, hat eine veränderte Harmonie und enthält dissonante Akkorde, die den Zustand des inneren Konflikts widerspiegeln, den der Text beschreibt, während die Begleitung des Waldhorns synkopiert ist, wodurch der Puls des Stückes gestört wird und der Eindruck von innerem Aufruhr entsteht. Der Musiktheoretiker Yonatan Malin hebt die Beziehung zwischen Dissonanz durch Synkopierung und romantischer Sehnsucht hervor, welche sich beide im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt haben. Laut Malin erzeugt ein synkopierter Puls eine fortgesetzte Bewegung nach außen analog zur romantischen Sehnsucht nach Ferne. Dadurch wird ein Gefühl der Trennung oder Distanz erzeugt sowie eine Bewegung, die in diese Distanz hinein reicht (Malin, 2006).

Nach einer kurzen Änderung der Taktart wird das Lied in e-Moll mit einem melodischen Segment fortgesetzt, das demjenigen ähnelt, mit dem das Lied begonnen hat, und nun in einer wellenähnlichen Bewegung aufsteigt – in Richtung des Wortes ‚Leid‘ und herabfallend auf das Wort ‚Grämen‘. Beide Wörter werden durch das Auf und Ab der Melodie betont und verbunden, was auf einen kausalen Zusammenhang hindeutet. Die Änderungen der Taktart und der Tonart in diesem Abschnitt und die Einbeziehung dissonanter Klänge trägt weiter dazu bei, innere Konflikte und emotionales Chaos auszudrücken. Die erste Geige begleitet die Singstimme und hebt so den gefühlsbetonten Inhalt dieses Abschnitts hervor. Das rhythmische Eröffnungsthema wird nach Fertigstellung der Melodie von den Flöten gespielt, was uns daran erinnert, dass der Protagonist auf dem Weg zu seinem Grab ist.

Der Wechsel zu Teil 2 ist gekennzeichnet durch eine Änderung der Tonart zu C und durch einen stetigen Puls von Trommel und Bass, der der Gehbewegung des Protagonisten, der sich auf die Suche gemacht hat, musikalischen Ausdruck verleiht. Die Melodie beginnt mit dem rhythmischen Thema wie in den vorhergehenden Versen, aber diesmal fehlt die Begleitung durch Flöte oder Violine, was den Mangel an menschlicher Begleitung widerspiegelt, der im Text des Liedes erwähnt wird. Der letzte Teil des rhythmischen Themas wird später von den Hörnern und dann von den Klarinetten gespielt, was den Eindruck eines Echos erweckt und dadurch Raum suggeriert. Die Singstimme steigt und fällt dann in wellenförmigen Abwärtsbewegungen in chromatischen Skalen. Dissonante Klänge und Änderungen der Tonart erzeugen den Eindruck von Bedrängung, wenn der Protagonist in die dunkle Nacht aufbricht. Der von der Trommel und dem Bass gegebene Puls setzt sich nach Abschluss der Melodie fort, während das rhythmische Thema des Trauermarsches von verschiedenen Instrumenten in Moll- und Dur-Tonart mit abnehmender Lautstärke gespielt wird, was auf ein Verschwinden in der Ferne hindeutet, das den Eindruck einer Erweiterung in Raum und Zeit vermittelt. Der einsame Wanderer geht hinaus in die weite Welt und streift lange darin herum. Die Suche und die Zeit, die für diese Suche benötigt wird, werden dadurch in der Musik veranschaulicht, während sie im Text des Liedes nicht erwähnt wurden.

Eine Änderung der Tonart und des Rhythmus, sowie plötzliche ungewöhnliche Einzelnoten in der Harfenbegleitung signalisieren den Beginn des dritten Teils und bringen den Hörer in eine neue Situation. Der Puls von Bass und Trommel stoppt, was darauf hindeutet, dass die Suche beendet ist. Die Harfenbegleitung ist jetzt in zunächst unvollständigen, dann abgeschlossenen harmonischen gebrochenen Akkorden zu hören, die die Natur in ihrem üppigen, fließenden und ausgeglichenen Zustand widerspiegeln und das Potential haben, Trost zu spenden. Die Singstimme steigt und fällt wiederholt in einer wellenförmigen, auf und ab Bewegung, wodurch ein Gefühl des Wohlbefindens entsteht, das durch die Geigen, die die Singstimme unterstützen, verstärkt wird und die Rückkehr des zuvor vermissten Gemeinschaftsgefühls anzeigen. Gleichzeitig spielt das erste Horn wiederholt eine absteigende Skala, die das Fallen der Blüten veranschaulicht. Wieder steigt und sinkt die Singstimme, steht jedoch im Widerspruch zu allen anderen Instrumenten, wenn sie das Wort ‚Leben‘ erreicht. Dieses Wort wird dadurch sowohl hervor gehoben als auch suggestiv mit innerem Konflikt in Verbindung gebracht. Die Singstimme setzt sich mit einem Anstieg und einem chromatischen Abfall zu ‚war alles wieder gut‘ fort, der mit einer Note endet, die die Harmonie nicht wie erwartet auflöst, wenn sie das Wort ‚gut‘ erreicht. Während der Text des Liedes vermittelt, dass alles wieder in Ordnung ist, untergräbt der musikalische Eindruck diese Aussage und stellt sie in Frage. Die folgende Melodie fällt dreimal ab und ändert die Tonart in einer Variation, die eine A-B-A-Struktur erzeugt, die kreisförmig ist und anzeigt, dass der Kreislauf des Lebens geschlossen ist. Die verbleibende Sprachzeile: ,Alles! Alles! Lieb ’und Leid! Und Welt und Traum!‘ ist langsam, eintönig, wiederholt sich und wird von Pausen in jedem Takt gezogen und steigt schrittweise ab. Die gebrochene Akkordbegleitung in der Harfe endet im letzten Takt der Melodie und verwandelt sich in einen Akkord, der mit zunehmenden Pausen und abnehmender Lautstärke wiederholt wird, wodurch der Eindruck entsteht, dass ein Herzschlag zu Ende geht. Das musikalische Thema, das wie ein Echo von der Flöte aufgegriffen wird, erinnert an den Trauermarsch, der dem Lied zugrunde zu liegen scheint. Während der gesamte Abschnitt in Pianissimo gespielt wird, sinkt die Lautstärke am Ende auf ppp. Die Musik macht dadurch die Bedeutung des in sich mehrdeutigen Textes klar. Der Trost, den der einsame Wanderer im Schatten des Baumes findet, ist der Tod.

Winterlandschaft, Caspar David Friedrich 1811

Schlussfolgerungen

Das Lied Die zwei blauen Augen von meinem Schatz gehört zu den Kulturproduktionen der Romantik, die die Erfahrung von Entfremdung und sozialer Entwurzelung auszudrücken suchten, die besonders von der männlichen Mittelschicht in Deutschland im 19. Jahrhundert empfunden wurde. Für Gustaf Mahler, der als jüdischer Komponist dem wachsenden antisemitischen Klima in Deutschland und Österreich ausgesetzt war, ist das Erlebnis der sozialen und gesellschaftlichen Entfremdung möglicherweise noch stärker gewesen. Das Gefühl der Entwurzelung wird durch den Mangel an Klarheit und Spezifität im Text des Liedes deutlich. Das Lied spielt in einer zeitlosen Welt, die von den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts weit entfernt ist. Während diese Distanz, die Entfremdung veranschaulicht, erschwert sie auch eine Konfrontation mit den Ereignissen, die diesen Verlust erzeugt hatten und die empfundene Sehnsucht nach dem verloren gegangenen Bezug kann nur indirekt, durch Metaphern zum Ausdruck gebracht werden. Ursprünglich war der Gerbrauch von Metaphern, die ein wesentliches Element romantischer Kulturproduktionen waren, von der Absicht geleitet, schmerzliche Erlebnisse indirekt zum Ausdruck zu bringen, um dadurch eine Wiederherstellung abhanden gekommener Verbindungen zu ermöglichen. Diese Absicht fehlte jedoch bei den Kulturproduktionen der Spätromantik, bei denen es zu einer Ernüchterung der anfänglichen kulturellen Zielsetzungen kam. Schmerzliche Erlebnisse wurden indirekt zum Ausdruck gebracht, ohne dass es zu einer Verarbeitung zustande kam. Das das Lied Die zwei blauen Augen von meinem Schatz zur Spätromantik gehört, ist dadurch erkennbar, dass die Erzählung des Liedtextes kein positives Ende nimmt. Wie durch die musikalische Fassung deutlich wird, kann die ersehnte Wiedervereinigung nur außerhalb der Lebensrealität, im Tod, gefunden werden.

Die Literaturwissenschaftlerin Ann Kaplan beschreibt, wie in bestimmten historischen Momenten ästhetische Formen entstehen, die die Ängste und Fantasien ausdrücken, die durch die Unterdrückung entscheidender historischer Ereignisse entstehen, die nicht verarbeitet wurden. Kaplan spricht in diesem Zusammenhang von einem Phänomen, das sie als ‚traumatisches kulturelles Symptom‘ bezeichnet (Kaplan, 2001). Das unterdrückte historische Ereignis ist in diesem Zusammenhang, so Pfau, das Gefühl der sozialen Entfremdung, dass die Mittelschicht seit der Französischen Revolution erlebt hat. Ängste und Fantasien, die durch sozialen und gesellschaftlichen Bezugsverlust ausgelöst wurden, werden durch die Darstellung verlorener Liebe und die Identifikation mit dem einsamen Wanderer dargestellt. Diese Flucht in eine alternative Realität, die dadurch ermöglicht wird, erinnert an die dissoziative Symptomatik posttraumatischer Störungen. Der Eindruck eines Verlustes zu sozialen Beziehungen kann laut Collins als mangelnder Zugang zu einem Gewinn an emotionaler Energie erlebt werden. Sehnsucht, ausgedrückt in romantischen Kulturproduktionen, kann auf diese Weise als ein Verlangen nach Wiedererlangung dieses verlorenen Zugangs interpretiert werden, das durch den Mangel an emotionaler Energie motiviert wurde. Die passive Haltung des Protagonisten des Liedes bestätigt diesen Mangel, da, laut Collins, emotionale Energie für ein aktives Verhalten notwendig ist.

Wie im letzten Kapitel erwähnt, beschreibt Scheff, wie unverarbeitete Erfahrungen von Scham und Demütigung die Geschlechterverhältnisse beeinflussen können und zu einem Verhalten führen kann, das Scheff als ‚hypermaskulin‘ beziehungsweise ‚hyperfeminin‘ bezeichnet. Die Tatsache, dass die Geschlechterrollen in der Erzählung des Liedes vertauscht sind, ein für romantische Kulturproduktionen typisches Merkmal, spiegelt einen Zustand des Ungleichgewichts wider, der zeigt, wie sehr die Krise der sozialen Entfremdung die Bevölkerung der Mittelschicht betroffen hatte. Während diese Produktionen ihre männlichen Protagonisten als physisch und emotional verwundbar, passiv, leidend und in einem extremen Sehnsuchtszustand darstellen, wird die Erzählung außerhalb der Realität gesetzt, was mit dem dissoziativen Verhalten verglichen werden kann, das als Reaktion auf traumatisierende Ereignissen typisch ist für Frauen im Gegensatz zur männlichen Kampf- oder Fluchtreaktion.

Ansicht von Lübeck, Andreas Aschenbach

Während sich das Lied als Kunstlied an die gebildeten Mittelschichten richtete, war die Populärliteratur einem breiteren Publikum zugänglich, das auch die untere Mittelschicht mit einbezog. Um auf die emotionalen Bedürfnisse der Leserschaft einzugehen, kam es in der Populärliteratur häufig zu der Konstruktion einer verzerrten Weltanschauung (Schulte-Sasse 1983). Mosse beschreibt, wie das anhaltende Bedürfnis nach kollektiver Identifikation zu einer Suche nach verlorenen Wurzeln führte, bei der sich verzerrte Vorstellungen entwickelten, die Mosse unter dem Begriff der ‚völkischen Ideologie‘ zusammenfasst. (Mosse 1964). Mosse betont die Bedeutung der Verbindung zwischen der menschlichen Seele und dem Wesen der Natur für diese Ideologie, eine Perspektive, die erweitert wurde, um eine Beziehung zwischen dem Volk und der einheimischen Landschaft zu beschreiben. Diese Affinität zur Natur, insbesondere zu Wäldern und Bäumen, ist das Hauptthema romantischer Kulturproduktionen und auch Schauplatz der Wanderlieder-Zyklen. Mosse erklärt, wie sich die völkische Ideologie im Laufe der Zeit weiterentwickelte, um rassistische Perspektiven mit einzubeziehen, und nach der Niederlage des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Weimarer Republik ausgearbeitet und verbreitet wurde, um dann eine von den Mehrheiten unterstützte politische Basis zu erhalten. Mosse unterstreicht die Bedeutung von Jugendgruppen, die sich mit 60.000 Mitgliedern vor dem Krieg und 100.000 nach dem Krieg landesweit entwickelt hatten und die Streifzüge in die Natur zusammen mit ideologisch motivierten Aktivitäten förderten.

Da romantische Kulturproduktionen das von vielen empfundene Gefühl der Entfremdung und Verwirrung widerspiegeln, ohne jedoch die Krisen so zum Ausdruck zu bringen, dass sie verarbeitet werden konnten und ein kollektives Identitätsgefühl wiederhergestellt werden konnte, war das anhaltende emotionale Bedürfnis offen für Missbrauch und, wie wir in den folgenden Blogs sehen werden, ermöglichte die Entwicklung rassistischer Ideologien und politischer Ausrichtungen.

Steglitzer Gruppe um 1930

 

Bibliographie

Greimas, A. J. (1983). Structural Semiotics: An attempt at a method (Translated by D. Mc Dowell et al. ed.). Lincoln: University of Nebraska Press.

Jelavich, P. (1979). Art and Mammon in Wilhelimine Germany: The case of Frank Wedekind. Central European History, 12(3), 203-236.

Kaplan, A. (2001). Melodrama, Cinema and Trauma. Screen , 42(2), 201-205.

Malin, Y. (2006). Metric Displacement Dissonance and Romantic Longing in the German Lied. Music Analysis, 25(iii), 251-288.

Mosse, G. (1964). The Crisis of German Ideology. New York: Schoken Books.

Mosse, G. L. (1979). Ein Volk, ein Reich, ein Führer: deutsch völkische Ursprünge des Nationalsozialismus (Deutsche Erstausgabe ed.). Königstein: Athenäum Verlag.

Pfau, T. (2003). Lyric Cliche, Conservative Fantasy, and Traumatic Awakening in German Romanticism. The SOuth Atlantic Quarterly, 102(1), 53-92.

Pulzer, P. (1997). Germany 1870-1945. Oxford: Oxford UP.

Scheff, T. (2006). Theory of Runaway Nationalism: Love of COuntry/Hatred of Others. Retrieved March 8, 2009, from http://www.soc.ucsb.edu/faculty/scheff

Scheff, T. (2007). War and Emotions: Hypermasculine Violence as a Social System. Retrieved March 8, 2009, from http://www.soc.ucsb.edu/faculty/scheff

Schulte-Sasse, J. (1983). Towards a ‘Culture’ for the Masses: The SocioPsychological Function of Popular Literature in Germany and the U.S., 1880-1920. New German Critique, 29, 85-105.

Stephan, I. (2008). ‘Kunstepoche’. In Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart (pp. 182-238). Stuttgart: J.B. Metzler.

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Turchin, B. (1987). The Nineteenth-Century Wanderlieder Cycle. The Journal of Musicology, 5(4), 498-525.

 

Abbildungen

Die Frankfurter Nationalversammlung im Mai 1848. Zeitgenössischer Holzschnitt, koloriert. (picture alliance / Bianchetti / Leemage)

https://www.deutschlandfunk.de/18-05-1848-die-eroeffnung-der-ersten-deutschen-nationalversammlung-dlf-63d14da5-100.html

Porträt von Friedrich von Schiller von 1780. Fotograf: Roger Viollet/Getty Images

https://www.theguardian.com/stage/2009/nov/22/friedrich-schiller-anniversary-film-biography

Caspar David Friedrich 1818, Ölgemälde, Hamburger Kunsthalle

https://en.wikipedia.org/wiki/Wanderer_above_the_Sea_of_Fog

https://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/nationalsozialistische_rassenlehre/geschichte-der-eugenik-verbrechen-100.html

Otto Nowak / CCI / Bridgeman Images

https://www.newstatesman.com/culture/music/2022/02/the-enduring-chill-of-schuberts-winterreise

Die Winterreise, Caspar David Friedrich ca. 1827

www.desingel.be/dadetail.orb?da_id=18598

Winterlandschaft, Caspar David Friedrich 1811

https://artsandculture.google.com/asset/winter-landscape/3AFa-YVB1DBOwA?hl=en-GB

Ansicht von Lübeck, Andreas Aschenbach

https://www.meisterdrucke.com/kunstdrucke/Andreas-Achenbach/299857/Ansicht-von-Lübeck,-1869.html

Steglitzer Gruppe um 1930

https://de.wikipedia.org/wiki/Wandervogel#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-R24553,_Gruppe_des_Wandervogels_aus_Berlin.jpg