Blog 7: Trauma ähnliche Erlebnisse im sozialen Umfeld a) Der soziale Bezug und seine Bedeutung

Wir haben gesehen, dass jeder einzelne Mensch durch das Potential seines Gehirnes sich ständig zu verändern und neuen Gegebenheiten anzupassen, mit seiner Umgebung vernetzt ist. Wir haben auch gesehen, dass diese Verbindung durch die starre Beständigkeit von traumatischen Erinnerungen unterbrochen werden kann. Eine vergleichbare Situation, in der eine Ausgangssituation, die von Verbundenheit geprägt ist, gestört wird, lässt sich auch im sozialen Umfeld beobachten. 

Menschenmenge in Berlin

Das Element der Verbundenheit ist hier die Fähigkeit und die Neigung einen sozialen Bezug zu anderen aufzubauen. Die Bedeutung sozialer Bezüge, und die Grundtendenz zu einer sozialen Verbundenheit lässt sich durch eine Vielzahl von Beobachtungen belegen.

Die Psychoanalytikerin Helen Lewis verweist darauf, dass Menschen hilflos geboren werden und daher auf die Zuwendung anderer angewiesen sind. Der Verlust einer primären Bezugsperson wäre für ein Neugeborenes lebensbedrohlich (Lewis, 1971), und somit erklärt sich warum ein Verlust sozialer Bezüge als stark gefährdend erlebt wird.

Der Soziologe Randall Collins erklärt, dass jeder Mensch eine gewisse Menge an emotionaler Energie hat, und das emotionale Energie lebenswichtig ist, da sie uns motiviert zu handeln.  Er spricht in diesem Zusammenhang von Neurotransmittern, die den Fluss von Hormonen im endokrinen System veranlassen. Wenn viele Hormone ausgeschüttet werden, erhöht sich die emotionale Energie, man ist glücklich und eher aktiv, wenn weniger Hormone ausgeschüttet werden, ist die emotionale Energie niedrig, man ist traurig und eher passiv. Da ein aktives Verhalten ein besseres Überleben ermöglicht, ist emotionale Energie lebensnotwendig.

Laut Collins hat jeder Mensch auch seinen eigenen Micro Rhythmus und wenn Menschen in Gruppen zusammenkommen und miteinander agieren, besteht eine Tendenz diese Micro Rhythmen aufeinander einzustimmen. Man findet Hinweise dazu auch im Sprachgebrauch z.B.: wir sprechen von einem ‘im Einklang’ oder von einem ‘auf einer Welle’ sein mit einem oder mehreren anderen Menschen. Wenn es den Beteiligten bei einem Zusammenkommen gelingt, die jeweiligen Micro Rhythmen miteinander in Einklang zu bringen, ergibt sich, laut Collins, eine Amplifikation der emotionalen Energien, die ein jeder mit in die Interaktion gebracht hat. Alle Beteiligten gewinnen dabei an emotionaler Energie (Collins, 2004). Wir sehen, dass auch in diesem Sinne soziale Bezüge lebensnotwendig sind, da sie Zugang zu einem Gewinn an emotionaler Energie ermöglichen.

Mensch und Affe in Interaktion

Es gibt auch noch weitere Merkmale, die zeigen, wie sehr wir darauf ausgerichtet sind mit anderen in Verbindung zu stehen. Die Neurobiologinnen Christina Jung und Peggy Sparenberg haben sich mit dem körperlichen Gedächtnis beschäftigt und in diesem Zusammenhang auch mit der Tendenz des Menschen, sich unbewusst auf andere einzustimmen, ein Phänomen, das als ’Spiegelneuroneneffekt’ bezeichnet wird. Der Spiegelneuroneneffekt besteht darin, dass Aktivitäten in den Gehirnzentren eines Beobachters durch die Aktivitäten in den Gehirnzentren eines Beobachteten genau widergespiegelt werden. Dies kann durch eine funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) gezeigt werden, einer nicht-invasiven Untersuchungsmethode, die die neuralen Funktionen des Gehirnes sichtbar macht, Jung und Sparenberg verweisen dabei auf eine Studie von Liepelt, Cramon und Brass (2008) die zeigt, dass in diesem Zusammenhang nicht nur die Aktion des Beobachteten, sondern viel mehr seine Intension zu agieren ausschlaggebend ist. Für diese Studie wurde die Aktion des Fingerhebens visuell vorgegeben. Dabei gab es drei Variationen: 1. Der Finger wurde mit Intension gehoben, 2. Der Finger wurde ohne Intension (von einem Roboter) gehoben, 3. Das Heben des Fingers wurde verhindert aber die Intension war da. Die Studie zeigt, dass ein Spiegelneuroneneffekt bei den Beobachtenden im ersten und dritten Fall vorlag, wogegen der Effekt im zweiten Fall sehr gering war. Die Neurologinnen verweisen auch auf weitere Studien, die sich mit der Simulation von Gefühlen auseinandersetzen und bei denen ein umgekehrtes Simulationsmodell beobachtet werden konnte, das heißt Beobachter erkennen Gesichtsausdrücke, die sie imitieren was ihnen ermöglicht das jeweilige Gefühl nachzuempfinden (Jung & Sparenberg, 2012).  Bei beiden Studien wird deutlich, dass wir dazu ausgelegt sind, die Intensionen, Aktionen und Gefühle anderer zu erspüren. Dies erklärt unser Interesse an Kulturformen wie Theater, Film und Literatur, die uns die Möglichkeiten geben, uns in das Leben anderer hineinzuversetzen.

In dem folgenden Blog werden wir uns damit auseinandersetzen, wie es dazu kommen kann, dass die Grundtendenz soziale Bezüge aufzubauen gestört und unterbrochen wird.

 

Bibliographie

Collins, R. (2004). Interaction Ritual Chains. Princeton: Princeton UP.

Collins, R. (2008). Violence. Princeton: Princeton UP.

Jung, C., & Sparenberg, P. (2012). Cognitive perspectives on embodiment. In S. C. Koch, T. Fuchs, M. Summa, & C. Müller (Eds.), Body Memory, Metaphor and Movement (pp. 141-154). Amsterdam: John Benjamins.

Lewis, H. (1971). Shame and Guilt in Neurosis. New York: IUP.